Interreg
22.03.
2017

"Wir brauchen mehr Interreg-Projekte zum demografischen Wandel"

Interview mit Prof. Bernhard Müller, Direktor des IÖR Dresden und Interreg-Botschafter

Der Raumplaner und Geograph Prof. Bernhard Müller ist seit 1997 Direktor des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) in Dresden, wo auch die deutsche Kontaktstelle für das Interreg-Programm Mitteleuropa beheimatet ist. Neben vielen anderen Themen beschäftigt er sich als Leiter des Lehrstuhls für Raumentwicklung an der TU Dresden seit Jahren mit Alterungsprozessen unserer Gesellschaft und ihren Wirkungen auf den Raum. Im Gespräch erklärt Müller, der der transnationalen Zusammenarbeit als Interreg-Botschafter eine Stimme gibt, welche Herausforderungen und Chancen der demographische Wandel mit sich bringt und was Interreg zu einem gelungenen Umgang mit diesem Thema beitragen kann.

Was sind die größten Herausforderungen, die der demografische Wandel für die Raumplanung mit sich bringt?

Die Liste der Probleme ist umfangreich, in Deutschland und in Europa. Bevölkerungsrückgang ist zum Beispiel häufig mit Wohnungsleerstand und einer Unterauslastung von Infrastruktur verbunden. Die Erschließung ländlicher Räume gerät in Gefahr. In einigen Regionen hat sie sich teilweise auch schon dramatisch verschlechtert. Die Alterung der Bevölkerung erfordert beispielsweise höhere Aufwendungen in der Gesundheitsversorgung und im Pflegebereich. Kindergärten und Schulen werden geschlossen. Alteneinrichtungen sprießen an vielen Stellen aus dem Boden. Insgesamt führen beide, Schrumpfung und Alterung, zu insgesamt höheren Pro-Kopf-Belastungen für die Gesellschaft. Die eigentliche Herausforderung des demografischen Wandels besteht aber nicht in der Auseinandersetzung mit diesen Problemen, sondern darin, auch seine Chancen zu erkennen und zu nutzen. Bevölkerungsrückgang bietet die Chance, neue städtische und regionale Qualitäten zu entwickeln, Experimente zu wagen und neue Wege auszuprobieren. Alterung bietet Möglichkeiten, das Ehrenamt zu stärken und in die „Silberne Ökonomie“ einzusteigen, also neue Märkte zu erschließen.

Der demographische Wandel verläuft je nach Region sehr unterschiedlich. Wachsenden Ballungsräumen stehen schrumpfende ländliche Regionen gegenüber. Inwiefern erfordert diese bereits regional sehr differenzierte Situation eine transnationale Zusammenarbeit?

Zunächst dürfen wir nicht pauschalisieren. Nicht alle Ballungsräume in Europa wachsen, und nicht alle ländlichen Regionen sind Schrumpfungsräume. Nichtsdestotrotz sind die Unterschiede in Europa sehr groß. In solch einer Situation ist transnationale Zusammenarbeit ein Gebot der Stunde. Sie ermöglicht es, dass Regionen, Städte und Gemeinden voneinander lernen und aus guten Beispielen Anregungen für eigene Strategien zum Umgang mit dem demografischen Wandel ableiten. Sie verschafft den vom demographischen Wandel besonders betroffenen Akteuren aber auch neue Möglichkeiten, sich in Brüssel oder in den jeweiligen Hauptstädten mehr Gehör zu verschaffen.

Kleinstadt, © Mages, DV

Die EU bzw. die Vereinten Nationen haben mit dem Pakt von Amsterdam und der New Urban Agenda gerade erst zwei Leit-Dokumente für die Bedeutung und künftige Entwicklung der Städte veröffentlicht. Kommt der ländliche Raum, der sowieso schon mehr durch Schrumpfung und Alterung betroffen ist, bei dieser „urbanen“ Politik auf die Dauer nicht zu kurz?

Ganz im Gegenteil! Keines der beiden Dokumente propagiert ja eine Mega- oder Großstadtpolitik. Beide Dokumente beziehen sich insbesondere auch auf Klein- und Mittelstädte und beschwören die funktionalen Beziehungen zwischen Stadt und Land. Und gerade diese Kategorie von Städten ist es, die für die ländlichen Räume, ihre Stabilisierung und Entwicklung, lebensnotwendig ist. Klein- und Mittelstädte sind Kristallisationspunkte der Entwicklung in ländlichen Räumen und sie spielen eine wichtige Rolle für die Versorgung der Menschen in ihrem jeweiligen Umland; gerade auch in den ländlichen Räumen, die von Bevölkerungsrückgang und Alterung betroffen sind. Ländliche Räume können sich vor allem dann positiv entwickeln, wenn es ein funktionierendes Netz von kleineren und mittelgroßen städtischen Zentren gibt, die über eine Grundausstattung von Einrichtungen für die Menschen in ihrem Umland verfügen und notwenige Dienstleistungsfunktionen wahrnehmen. 

Interreg orientiert sich sehr stark an der Erreichung konkreter, messbarer Ergebnisse. Sind aus Ihrer Sicht in Mittel-, Ost- und Südosteuropa genügend gefestigte Strukturen und Partnerschaften vorhanden, um dies erreichen zu können?

Es ist gut, dass Interreg konkret messbare Ergebnisse anstrebt. Nur so kann man seinen Wert nachweisen. Es gibt aber natürlich darüber hinaus auch Wirkungen, die nicht unmittelbar messbar sind oder die erst mittel- bis langfristig zu wirklichen Veränderungen führen. Diese sollte man nicht vernachlässigen. Was Mittel-, Ost- und Südosteuropa angeht, so kann ich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen und unserer langjährigen Zusammenarbeit mit Einrichtungen aus diesen Ländern sagen, dass es hervorragende Partner und sehr gut funktionierende Partnerschaften gibt, die eine langfristige Zusammenarbeit erlauben. Was mir aber Sorgen macht, ist, dass einzelne Regierungen immer wieder einmal die Rolle von Raumordnung und Regionalentwicklung insgesamt in Frage stellen. Es wurden auch schon entsprechende Institutionen aufgelöst. Das ist weder der langfristigen Zusammenarbeit noch Interreg insgesamt zuträglich.

Wie kann Interreg künftig noch besser zu einer Raumplanung beitragen, die an den demographischen Wandel angepasst ist?

Wir brauchen mehr Projekte zum demographischen Wandel im Rahmen von Interreg. Und diese sollten möglichst schnell über das Stadium der Analyse hinausgehen und praktische Hilfestellung leisten. Dabei sollten nicht nur Regionen miteinander kooperieren. Vielmehr sollten wir Partnerschaften von Regionen mit Klein- und Mittelstädten gezielt fördern, gerade auch in ländlichen Räumen und in Regionen, die vom demografischen Wandel besonders betroffen sind. Aber wir sollten auch Ballungsräume nicht vergessen, die ähnliche Probleme haben, die Probleme des Strukturwandels bewältigen müssen, aus denen Menschen wegziehen und in denen sich die demographischen und sozio-ökonomischen Verhältnisse dramatisch verschlechtern. Gerade in Mittel-, Ost- und Südosteuropa gibt es viele davon. Solche Projekte sollten aber nur dann gefördert werden, wenn man sicher sein kann, dass ihre Ergebnisse auch auf fruchtbaren Boden fallen und von einer Raumplanung auf regionaler Ebene aufgegriffen werden können, die ihren Namen verdient. Was außerdem noch weitgehend fehlt, ist eine Synopse der Erfahrungen mit guten Beispielen. Anwendungsorientierte Begleitforschung sollte Hinweise darauf geben, was man aus Pilotvorhaben zur „Breitenanwendung“ führen sollte und wie man dies befördern könnte. Erst dann kommen wir vom Einzelfall zur Strategie.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass Interreg weiterhin erfolgreich wirken möge. Dass es konsequent weiter entwickelt wird. Und dass es noch stärker als bisher zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen und der in der New Urban Agenda und im Pakt von Amsterdam formulierten Zielsetzungen beiträgt. Es sollte noch stärker zu konkreten Verbesserungen für die Menschen in Regionen führen, die vom demografischen Wandel besonders betroffen sind. Und es sollte sich stärker als bisher auf die Chancen des demografischen Wandels konzentrieren, die es in konkreten Fällen zu identifizieren und zu nutzen gilt. Dass dabei der Raumplanung ein besonderer Stellenwert beigemessen werden muss, versteht sich von selbst.

Bildnachweis Titelfoto: Hunor Kristo, fotolia.com

Prof. Dr. Bernhard Müller ist Direktor des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) in Dresden und Leiter des Lehrstuhls für Raumentwicklung an der TU Dresden. Als Interreg-Botschafter gibt der Raumplaner und Geograph der transnationalen Zusammenarbeit eine Stimme.