Interreg
31.01.
2017

Wie werden unsere Städte klimatauglich?

„Future Cities“ trägt auch nach Projektende dazu bei, Strategien zur Anpassung an den Klimawandel in den Planungsalltag einzubringen

Juli 2008: Jahrhundert-Unwetter in Dortmund, Februar 2010: Sturmtief Xynthia wütet über Deutschland, Juni 2014: Orkan Ela, Juni 2016: Land unter in Münsters Südosten, Januar 2017: Sturmflut an der Ostseeküste …

Die Nachrichten über Wetterextreme in Deutschland lassen sich weiter auflisten: Starkregen, Überschwemmungen, Stürme, Hitzeperioden im Sommer. Die Folgeschäden durch Extremwetterereignisse sind in Städten besonders hoch: dichte Besiedlung, ein hoher Versiegelungsgrad und kritische Infrastrukturen sind Gründe für die hohe Verwundbarkeit. Was ist dagegen zu tun?

Partner des Future-Cities-Projektes, © Lippeverband

Wir, die Wasserwirtschaftsverbände Emschergenossenschaft und Lippeverband in Nordrhein-Westfalen haben schnell erkannt, dass die integrierte Bewirtschaftung unserer Flusseinzugsbiete ein Schlüssel zur klimaangepassten Regionalentwicklung sein kann. Der Lippeverband hat 2008 die Federführung des Interreg IV B-Projektes Future Cities übernommen: Zwölf Partner aus fünf EU-Ländern haben dabei 12,5 Millionen Euro in die klimataugliche Entwicklung von Stadtregionen in Nordwesteuropa investiert. 2014 wurde die Partnerschaft offiziell beendet – doch das Thema „Anpassung an den Klimawandel“ ist noch lange nicht abgearbeitet. Was aber lebt weiter, welche Erkenntnisse finden auch nach der Projektlaufzeit noch Anwendung?

 Der Kompass zur Anpassung an den Klimawandel

Der „Future Cities Kompass“ ist ein Excel-basiertes Planungsinstrument, das wir gemeinsam mit den Partnern entwickelt haben. Er steht auf Deutsch und Englisch zur Verfügung ist grundsätzlich für alle Klimawandelfolgen anwendbar: Hochwasser, Überschwemmung, Dürre, Hitzeinseln in der Stadt, Sturm etc. Er richtet sich an Stadt-, Regionalverwaltungen und Wasserbehörden. Diese können mithilfe des Instruments modular eine Anpassungsstrategie für ihr jeweils betroffenes Gebiet erstellen.

Der Klimakompass beruht auf einer vorstrukturierten Bewertungsmethode und bietet übergreifende Informationen und Antworten auf häufig gestellte Fragen. So leitet er die Stadt durch den Planungsprozess, angefangen bei der Definition von Risikogebieten und dem Ausmachen von Risikogruppen (z. B. Altenheime, Kindergärten) bis hin zur Auswahl und Priorisierung geeigneter Anpassungsmaßnahmen, die der Kompass beispielhaft für verschiedene Fälle (z. B. Trockenheit, Flut etc.) vorschlägt.

Der Klimakompass, © Lippeverband

Zunächst haben wir den Kompass in den beteiligten EU-Ländern angewendet. Nach Projektende wurde das ausgeweitet: Gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) haben die Städte Podgorica (Montenegro), Tirana (Albanien) und Belgrad (Serbien) 2015 mithilfe des Kompasses das Thema Anpassung in ihre Planungsabläufe integriert.

Jetzt nutzen weitere Städte den Kompass: Seit September 2015 entwickelt die Bundesgeschäftsstelle „European Energy Award“ eine Erweiterung der bestehenden Klimaschutz-Marke „European Energy Award – EEA“. Der „EEA-plus“ soll bis August 2017 fertig sein und wird Kommunen mit einer herausragenden Anpassungsstrategie auszeichnen. Auf Empfehlung der Bundesgeschäftsstelle „European Energy Award“ und mit Unterstützung des NRW-Umweltministeriums nutzen derzeit die EEA-plus-Pilotstädte Aachen, Bad Lippspringe, Bocholt, Bottrop, Greven, Hürth, Ibbenbüren, Lippstadt, Neuss, Oberbergischer Kreis, Rietberg und Siegen u.a. den Future Cities Kompass, um ihre Anpassungsstrategie zu erstellen.

© Lippeverband

Der grünblaue Klimakorridor: Gewässer als regionale Klimaanlage

Im Rahmen von Future Cities wurde der Heerener Mühlbach zum grünblauen Klimakorridor in Kamen umgebaut. Der bis dahin in einem Betonbett kanalisierte Bach wurde naturnah umgestaltet: Zuerst wurde ein unterirdischer Abwasserkanal gelegt. Das abwasserfreie Gewässer wird zusätzlich mit sauberem Regenwasser von den angrenzenden Grundstücken gespeist und ein auenähnlicher Uferbereich kann sich entwickeln. Dadurch kann der Mühlbach mehr Wasser bei Starkregen abpuffern, Überschwemmungen und Abwasserprobleme werden abgemildert. Im Sommer dient das Gewässer in der jetzigen Form als Frischluftkorridor. Das lässt sich beispielhaft auf andere Orte übertragen, an denen Gewässer als natürliche Klimaanlage wirken können. Am 21. Juni 2016 hat das Umweltbundesamt das gewürdigt und der Maßnahme den Preis „Blauer Kompass – Anpassungspioniere gesucht“ verliehen.

 Nachahmer-Effekt: Der große Preis für zukünftige Generationen

Fünf Monate später, im November 2016, wurde ein weiteres Future Cities-Pilotprojekt ausgezeichnet. Der belgische Stadtteil De Vloei in Ypern ist klimagerecht umgestaltet; der westflämische Planungsverband wvi hat dazu einen Leitfaden entworfen, nach dem weitere belgische Städte umgestaltet werden können. Am 16. November 2016 wurde Ypern der „Große Preis der Zukunft“ verliehen, der Stadtteil De Vloei erhielt unter zwölf Finalisten den fünften Platz für klimaangepasstes Wohnen.

Stadtteil De Vloei in Ypern, © West Vlaamse Intercommunale

Für den nach Projektende anhaltenden Erfolg sehe ich drei Faktoren:

1) Positive Botschaft statt Paniknachrichten: „Enjoy Adaptation“

Zu oft sind es negative Schlagzeilen, die durch den Klimawandel in die Medien kommen. Angst vor dem nächsten Unwetter, Sorge darüber, nichts tun zu können. Future Cities hat das verändert, neben den ernst zu nehmenden Risiken wurden auch die Chancen kommuniziert: Denn Anpassungsmaßnahmen führen zu positiven Veränderungen - mehr Grün in den Städten, renaturierte Bachläufe, Naherholungsmöglichkeiten in Auenlandschaften. So entstand der Slogan „Enjoy Adaptation!“ Mit Freude lassen sich politisch und praktisch mehr und schneller nötige Maßnahmen umsetzen.

2) „Betreutes Lernen“ – Akteure an die Hand nehmen

Die Maßnahmen zum Umgang mit Klimawandelfolgen beruhen meistens nicht auf umwälzend neuen Erkenntnissen. Aber die Akteure müssen festlegen, welche Maßnahme an welchem Ort prioritär umgesetzt werden sollen. Dazu ist der Future Cities-Kompass zur Anpassung eine gute Hilfestellung: er nimmt die Beteiligten „an die Hand“ und führt sie durch den Planungsprozess.

3) Eingliederung in nationale und regionale Politik: langfristig etablierte Institutionen einbinden

Uns war klar, dass die Future Cities-Partner nach Projektende nicht bei jeder Anwendung des Kompass‘ beratend zur Seite stehen können. Durch die Kooperation mit Bundes- und EU-Institutionen wie z.B. das deutsche Umweltbundesamt, die britische Umweltagentur oder die Europäische Plattform EEA wird gewährleistet, dass die Ergebnisse auch langfristig verfügbar sind und in die dort angebotenen Beratungen mit einfließen.

 Und zum Schluss? „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Die Jahre 2007 und 2008 waren die Zeit der Klimawandelanpassungsprojekte. Die Probleme wurden erstmals formuliert und viele suchten gleichzeitig nach Lösungen. Das gab Future Cities natürlich Rückenwind. Jetzt ist die Zeit des „Mainstreamings“, die erlangten Erkenntnisse müssen in den Planungsalltag eingebracht werden. Das mag unspektakulärer sein als ein neues Gebiet zu erarbeiten, kann aber durch viele konkrete Maßnahmen auch viel Freude bringen. In diesem Sinne: Enjoy Adaptation!

Weitere Informationen: www.future-cities.eu

Bildnachweis Titelfoto: Der umgestaltete Heerener Mühlbach, © Lippeverband

Anke Althoff ist Mitarbeiterin bei den Wasserwirtschaftsverbänden Emschergenossenschaft und Lippeverband und übernahm die Projektleitung des EU-Projekts Future Cities.