Interreg
18.07.
2017

Transnationale Zusammenarbeit in Zahlen

So kooperieren die sechs Programmräume mit deutscher Beteiligung in der aktuellen Förderperiode

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Blaues Wachstum in der Nordsee, umweltfreundlicher Güterverkehr durch das Nadelöhr Alpen, Innovationsprojekte in Nordwesteuropa – dass die sechs verschiedenen Interreg B-Programmräume mit deutscher Beteiligung unterschiedliche Prioritäten haben, die ihren geographischen Besonderheiten entsprechen, ist bekannt. Allerdings zeigen sich auch bedeutende strukturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Wer ist involviert? Wie umfangreich sind die genehmigten Projekte? Welche Arten von Projekten werden bevorzugt? Welches ist die beliebteste  Förderpriorität? Dies sind Fragen, denen dieser Artikel nachgeht.

Donauraum hat bislang die meisten genehmigten Projekte

Bis März 2017 wurden in den Programmräumen mit deutscher Beteiligung (Alpenraum Donauraum, Mitteleuropa, Nordseeraum, Nordwesteuropa, Ostseeraum)  326 Projekte eingereicht, von denen 179 genehmigt wurden. Die meisten davon im Donauraum (54 Projekte), in Mitteleuropa und im Ostseeraum (je 35 Projekte) und im Alpenraum (zwei Förderaufrufe, 33 Projekte).

Strukturen der Zusammenarbeit auf Projektpartner-Ebene: Wien am besten vernetzt

Durch die Programmräume ist die Zusammenarbeit bei Interreg räumlich weitgehend vorgegeben. Dennoch gibt es auch innerhalb der Programmräume Unterschiede, mit wie vielen verschiedenen Partnern einzelne Projektakteure zusammenarbeiten. Beispielhaft für einen sehr gut vernetzten, breit aufgestellten Projektakteur ist die Stadt Wien. Akteure aus dieser Stadt sind in einem Großteil der Projekte, nämlich bei insgesamt 19, als Lead Partner aktiv (in der Grafik ohne weißen Zwischenraum dargestellt). Insgesamt arbeitet Wien mit Akteuren aus 44 verschiedenen Städten zusammen. Die Graphik illustriert, welche Städte aus den sechs Programmräumen mit deutscher Beteiligung die meisten verschiedenen Kooperationspartner haben. Diese sind links aufgeführt. Alle weiteren Städte sind unter der Farbe Blau unter „Sonstige“ subsummiert.

Strukturen der Zusammenarbeit auf Projektpartner-Ebene. Quelle: Interreg-Datenbank des BBSR / Darstellung: www.circos.ca


Am häufigsten arbeiten die Akteure der österreichischen Hauptstadt mit Partnern aus Budapest, Bratislava und Ljubljana zusammen. Diese vier Städte sind oft  gemeinsam an mehreren Projekten beteiligt.  Mit bis zu zehn Lead-/Projektpartner-Beziehungen untereinander sind sie derzeit Spitzenreiter, was die Intensität der Zusammenarbeit betrifft. Dies ergibt sich unter anderem dadurch, weil alle vier Hauptstädte sowohl zu Mitteleuropa als auch zum Donauraum gehören, den beiden Programmen mit den meisten bisher genehmigten Projekten. Das Bild wird sich deshalb bis zum Ende der Förderperiode 2014 bis 2020 voraussichtlich noch ändern. Außerhalb der genannten Programmräume besteht die engste Kooperation zwischen den belgischen Städten Mons und Gent, die in sieben Projekten zusammenarbeiten.

Ostseeraum Spitzenreiter bei Anzahl der Projektpartner

Die Struktur der Zusammenarbeit ist auch bedingt durch die Anzahl der Partner pro Projekt. In Nordwesteuropa sind mit neun im Durchschnitt vergleichsweise wenig Partner in die Projekte involviert. Im Ostseeraum hingegen sind durchschnittlich 14 Partner an der Konzeption und Durchführung eines Projektes beteiligt. Damit ist dieser Programmraum Spitzenreiter – ein Trend, der sich schon in der vorherigen Förderperioden zeigte und unter anderem auf die lange Tradition der länderübergreifenden Kooperation in dieser Region zurückzuführen ist. In der vergangenen Förderperiode lag der Durchschnitt sogar bei 16 Partnern pro Projekt.

Die Unterschiede zwischen den Programmen in Bezug auf die Anzahl der Projektpartner sind im Vergleich zur vorherigen Förderperiode allerdings geringer geworden. Während die durchschnittliche Zahl an Partnern im Ostseeraum abgenommen hat, ist sie im Nordseeraum von zwölf auf 13 Partner  leicht gestiegen. Auch der in dieser Förderperiode erstmals eingeführte Donauraum trägt mit durchschnittlich 13 Partnern pro Projekt zu einem eher ausgeglichenen Bild bei.

Verwaltung, Wirtschaft, Forschung, Zivilgesellschaft: Wer ist in Interreg-Projekten aktiv?

Weiterhin wurde untersucht, wer eigentlich die beteiligten Akteure bei Interreg-Projekten sind und mit wem sie zusammenarbeiten. Bei Kooperationen zwischen Verwaltung, Wirtschaft und Forschung spricht man von einer „Triple-Helix“. Kommt noch die Zivilgesellschaft hinzu, ist es eine „Quadruple-Helix“. Interreg versucht mit seinem territorialen Ansatz, verschiedene Sektoren zusammenzubringen, um Innovationspotenziale bestmöglich nutzen zu können. Die Zahlen zeigen, dass dies in den Projekten gut gelingt: In 84 Prozent der Projekte arbeiten Partner aus mindestens drei der genannten Kategorien zusammen. Was die  Quadruple-Helix betrifft, also die Verknüpfung von Verwaltung, Wirtschaft, Forschung und Zivilgesellschaft, so haben 31 Prozent der Partnerschaften im Nordseeraum diese Zusammensetzung und 60 Prozent der Konsortien im Ostseeraum. Die klassische Triple-Helix wird in zwölf Prozent der Projekte aus allen Programmräumen erreicht.

Umgekehrt haben die Programmräume Nordwesteuropa und Nordsee mit je 22 Prozent die meisten Konsortien, die sich ausschließlich aus Vertretern zweier Kategorien zusammensetzen. Im Ostseeraum macht diese Art der Projektgruppen mit neun Prozent den geringsten Anteil aus. Wirtschaftsnahe Akteure sind intensiv eingebunden. Der Anteil der Projekte, an denen sie beteiligt sind, reicht von 70 Prozent im Alpenraum und Donauraum bis zu 89 Prozent in Nordwesteuropa. Darüber hinaus sind an 78 Prozent der Nordwesteuropa-Projekte Akteure aus dem Bereich „Gesellschaft“ beteiligt. Ein Zeichen dafür, dass das zivilgesellschaftliche Interesse dort hoch ist.

Innovation beliebteste Förderpriorität

Zu Beginn der Förderperiode wurden die verfügbaren Fördermittel auf die Programmprioritäten verteilt. Stand März 2017 war die Nachfrage nach Fördermitteln - basierend auf den bisherigen Genehmigungen - im Bereich Innovation in allen Programmräumen besonders hoch. Je nach Programmraum wurden 30 bis  37 Prozent der bisher bewilligten Projektmittel für Innovationsprojekte vergeben.  Insgesamt wurden 59 von insgesamt 179 genehmigten Projekten  in der Priorität Innovation genehmigt und damit etwa 626 Millionen Euro Projektmittel gebunden. Gemessen an dem bewilligten Fördervolumen wird die Priorität Natürliche und kulturelle Ressourcen mit etwa 572 Millionen Euro am zweithäufigsten nachgefragt. Allerdings gibt es hier größere Unterschiede zwischen den Programmräumen: Die Zahlen schwanken zwischen 19 Prozent in Mitteleuropa und  39 Prozent in Nordwesteuropa. Themen in diesem Bereich sind die Kreislaufwirtschaft (Wiederverwertung von Materialien),  das Umweltmanagement in städtischen Räumen und Ökosystemen sowie eine bessere Energieeffizienz.

Es wird interessant sein zu sehen, wie sich diese Trends gegen Ende der Förderperiode entwickeln. Dies gilt insbesondere für die Programmräume Nordsee und Nordwesteuropa, für die bisher nur eine geringe Datenmenge zur Verfügung steht. Auch eine neuerliche Untersuchung der Vernetzung unter den Städten wird mit einer größeren Grundgesamtheit sicher weitere interessante Ergebnisse hervorbringen.

Nele Jeschke hat Europäische Studien und Geographie studiert. Ihr Interesse gilt dabei insbesondere der Schnittstelle von Politik und Wissenschaft im Bereich der internationalen Stadt- und Raumentwicklung. Dieser Artikel entstand im Rahmen eines Praktikums beim BBSR.