Interreg
19.10.
2017

SEMPRE: Soziale Dienstleistungen in ländlichen Räumen verbessern

Interview mit Doris Scheer, Europareferentin des Diakonischen Werkes Schleswig-Holstein

Zusammenarbeit, © Andrey Popov, Fotolia.com

Im Zentrum des Projekts SEMPRE stehen ländliche Räume im Ostseeraum und ihre sich stark ausdünnende soziale Infrastruktur. Doris Scheer, Europareferentin des Diakonischen Werkes Schleswig-Holstein erklärt im Interview,  wie soziale Dienstleister die Lebensqualität in diesen Regionen durch qualitativ hochwertige Angebote positiv beeinflussen können.

In zwei Sätzen: Worum geht es bei SEMPRE?

Es geht um die Frage, wie wir der Abwärtsspirale von demographischem Wandel, Wegzug und geringer werdenden finanziellen Investitionen entgegenwirken können. Eine Möglichkeit sehen wir Projektpartner von SEMPRE in der Einbindung von benachteiligten Personengruppen, für die wir unsere Dienstleistungen erbringen. Denn diese Personen selbst sind die besten Experten und Expertinnen für ihre jeweiligen Lebenssituationen. Sie werden aber viel zu selten in die Überarbeitung oder die Entwicklung neuer Dienstleistungen eingebunden.

Was ist Ihre persönliche Motivation für die Zusammenarbeit an diesem Thema?

Das Diakonische Werk Schleswig-Holstein hat sich mit der Zielgruppe „Alleinerziehende in ländlichen Räumen“ auseinander gesetzt. Dabei haben wir die ländlichen Regionen Dithmarschen und Ost-Holstein in den Blick genommen, ebenso wie den eher städtischen Bereich von Neumünster. Gefördert wurde das mit Mitteln der „GlückSpirale“. Um Konkretes zu erfahren, haben wir Interviews und eine Fragenbogenaktion durchgeführt. Wir haben die Menschen direkt gefragt, Gespräche und Begegnungen initiiert. Dieses  „Vorlaufprojekt“ – zu der Zeit ahnten wir noch nichts von SEMPRE – hat mir gezeigt, wie engagiert Menschen sind, wieviel Motivation entsteht, wieviel Wissen geteilt werden kann, wenn das Gegenüber aktiv zuhört und gemeinsam Handlungsstrategien entworfen werden.

Wir haben Bedarfe, Wünsche und auch Verwerfungen aufgenommen. Diese haben wir in einen Forderungskatalog übertragen, der Veränderungsnotwendigkeiten deutlich erkennbar macht. So zum Beispiel im Bereich Kita-Öffnungszeiten, Verkettung unterschiedlicher Kinderbetreuungsangebote, Bring-Dienste für Waren, Sportangebote mit Kinderbetreuung und stärkere Vernetzung.  Am Ende dieses Projekts habe ich mich gefragt, in welcher Form wir mit den Ergebnissen in einer Projektpartnerschaft weiterarbeiten, sie vertiefen und erweitern können. Dafür am besten geeignet erschien mir ein EU-Projekt. Denn dabei kann man von anderen Partnern lernen und gleichzeitig einen anderen Blickwinkel entwickeln, der über den regionalen oder nationalen hinausgeht.  

Was bringt das Projekt für Ihre Region?

In Schleswig-Holstein umfasst SEMPRE drei unterschiedliche Projektpartner: das Diakonische Werk Schleswig-Holstein, den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt und die Wirtschaftsakademie Schleswig-Holstein. Alle drei haben verschiedene regionale Bezügen und Zielgruppenschwerpunkte, sind allerdings in einer Regionalen Koordinierungsgruppe vernetzt.  Diese ermöglicht es, sogenannte Assoziierte Partner ganz unterschiedlicher Couleur für SEMPRE zu interessieren und in Regionalkonferenzen und Fachgesprächen zusammenzubringen. So werden neu Impulse gegeben und Partnerschaften initiiert, die wiederum zu Innovationen in verschiedensten Bereichen beitragen. SEMPRE fördert auf diese Weise die Professionalisierung sozialer Dienstleister. Gleichzeitig ermöglicht das Projekt durch die Einbeziehung derjenigen, an welche sich unsere Dienstleistungen richten, auch einen Perspektivwechsel. Solch ein regionales Dienstleistungsportfolio ist ein wichtiges Element einer integrierten Regionalentwicklung. Außerdem ist SEMPRE ist ein transnationales Projekt und bringt europäische Impulse nach Schleswig-Holstein und in die Regionen.

Warum ist es wichtig, dieses Projekt europäisch umzusetzen?

Viele ländliche Regionen im Ostseeraum kämpfen mit dem demographischen Wandel, Arbeitslosigkeit und geringen Investitionen in soziale Versorgungs- und Infrastrukturen. Diese Negativtrends sind keine Einzelerscheinungen von Dithmarschen, Kurzeme oder Norrbotten, genauso wenig wie die daraus resultierenden Konsequenzen, nämlich die Verödung ganzer Landstriche. Aus diesem Grund benötigen wir europäische Lösungen, die genau wie die Probleme nicht an regionalen oder nationalen Grenzen Halt machen.

Zu unserer SEMPRE-Partnerschaft zählen unterschiedliche Organisationen und Institutionen wie Forschungseinrichtungen, Weiterbildungsträger und soziale Dienstleister. Sie alle lassen ihr Wissen und ihre Kompetenzen in eine gemeinsame Lernpartnerschaft einfließen. Diese wiederum erarbeitet Produkte wie eine „Roadmap für Anbieter sozialer Dienste“ oder ein „Empowerment Handbook“ und stellt sie allen Interessierten zur Verfügung, auch über das Projekt und den Ostseeraum hinaus. SEMPRE bietet aber nicht nur Theorie, sondern auch Praxis. So zum Beispiel durch die geplanten Mikroprojekte, in denen Alleinerziehende in Dithmarschen, Menschen mit Behinderung in Liepaja oder Migranten in Luleå ihre eigene sozialen Dienstleistung entwerfen und erproben.

Transnationale Projektarbeit bedeutet also neue Kompetenzen auf fachlicher, europäischer und interkultureller Ebene, das Teilen von Wissen und Erfahrungen über Grenzen hinweg und das Entdecken von Innovationspotenzialen durch den transnationalen Austausch. SEMPRE und andere EU-Projekte sind „Europa hautnah“.

Vervollständigen Sie: Wenn das Projekt SEMPRE gelingt, wird in zehn Jahren….

… Schleswig-Holstein einen erfolgreichen Schritt in Richtung inklusiver Gesellschaft gemacht haben und zu den attraktiven Vorzeigeregionen im Ostseeraum gehören, deren innovative Dienstleistungskultur einen nicht wegzudenkenden Indikator für integrative Regionalentwicklung darstellt.

Ihr bislang schönstes Erlebnis im Rahmen des Projektes?

Mich beeindruckt immer wieder, wie Menschen sich hoch motiviert auf den Weg machen, um ihre Lebensumstände oder diejenigen anderer positiv zu beeinflussen. Unsere Projektauftaktveranstaltung für die Region Dithmarschen hat im Juli 2016 in Heide stattgefunden. Wir haben einen Problembaum erarbeitet (siehe Bild). Aus dieser Workshop-Arbeit hat sich eine Veranstaltungsreihe zum Thema „Entspannung und Stressbewältigung“ entwickelt, die sich vor allem an alleinerziehende Mütter und Väter richtet und bereits großen Anklang gefunden hat. Zu sehen, dass SEMPRE solche Impulse setzten kann, finde ich toll und sehr motivierend!

www.sempre-project.eu

Bildnachweis Titelfoto: Zusammenarbeit, © Andrey Popov, Fotolia.com

Doris Scheer ist Europareferentin des Diakonischen Werks Schleswig-Holstein, dem Lead Partner des SEMPRE-Projektes.