Interreg
20.09.
2017

Mit ALLIANCE nachhaltige und innovative Produkte aus marinen Ressourcen der Ostsee entwickeln

Interview mit Prof. Dr. Deniz Tasdemir vom GEOMAR-Biotech Zentrum für Marine Biotechnologie

Projekt Geomar ®Christoph Wirth

Die marine oder „blaue“ Biotechnologie ist ein Sektor mit großem Wachstumspotential. In marinen Ressourcen, wie Algen oder Mikroorganismen, stecken viele Wirkstoffe, die für Medikamente oder Kosmetika genutzt werden können. Leider sind diese Stoffe bislang nur wenig erforscht. Hohe Anschaffungs- und Unterhaltungskosten für das notwendigen Equipments zur Gewinnung und Verarbeitung des Rohmaterials erschweren den Wissenschaftlern und kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) oft den Zugang zu dieser Technologie und hemmen damit auch die Nutzung mariner Stoffe. Unklare Marktsituationen und regional unterschiedliche Zulassungsvorschriften für neue Produkte verzögern zusätzlich die Vermarktung des Endprodukts. An dieser Stelle setzt das Ostseeraum-Projekt „Baltic Blue Biotechnology Alliance“ an. Es bündelt die Erfahrungen und Expertise der Projektpartner, um die Entwicklung mariner, biologisch produzierter Erzeugnisse in der gesamten Wertschöpfungskette voranzutreiben. Federführender Partner ist die Forschungseinheit Marine Naturstoffchemie des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel. Die Projektkoordinatorin Prof. Dr. Deniz Tasdemir erklärt im Interview, welche Potenziale ein solches Netzwerk für die Entwicklung der marinen Biotechnologie in der Ostseeregion hat.

Worum geht es in Ihrem Projekt?

Wir möchten mit dem Projekt „Baltic Blue Biotechnology Alliance“ ein selbsttragendes Netzwerk aller Akteure schaffen, die zum Bereich der „blauen“, also der Meeres-Biotechnologie zählen. Unsere Projektpartner unterstützen die marktorientierte Entwicklung mariner, biologisch erzeugter Produkte. Die Palette der Produktentwicklung ist vielfältig. Sie reicht von der Nutzung von Makroalgen für die Produktion von Kosmetika über die mögliche Verwendung von Substanzen aus Mikroalgen in Farbzusätzen gegen Bewuchs, z. B. an Segelbooten, bis hin zur Züchtung sogenannter „Probiotika“ – spezieller Bakterien zur Stärkung der Fischgesundheit und Verbesserung der Wasserqualität in Aquakultur-Anlagen.

Das ALLIANCE-Netzwerk agiert aber auch auf der nicht-wissenschaftlichen Ebene. Hier stehen vor allem Produktvermarktung und Unterstützung bei rechtlichen Fragen im Vordergrund. Ein Expertenkonsortium, bestehend aus Vertretern verschiedenster Teilbereiche der blauen Biotechnologie, wie Forschungsinstitute oder Initiativen zur Unternehmensförderung, betreuen hier in einem persönlichen Mentoring-Programm Kunden wie Start-Ups oder Forschungsgruppen, die Erfolg versprechende Produktideen haben. Das Expertenkonsortium bringt sie gezielt mit relevanten Einrichtungen und Experten aus der Ostseeregion zusammen. Die Experten unterstützen die Kunden aktiv bei der Weiterentwicklung ihrer Produktidee und nutzen die Projekte dann als Fallbeispiele.

Lebensraum Meer ©Janusz Klosowski pixelio

Was ist Ihre persönliche Motivation für die Zusammenarbeit an diesem Thema?

Die Ostseeregion bietet ein außerordentlich großes biotechnologisches Potential sowohl im Bereich der Entwicklung funktioneller Naturstoffe mit Anwendungsmöglichkeiten in der Medizin, der Kosmetik oder der Aquakultur als auch im Bereich Technologietransfer von Forschungsergebnissen bis zur praktischen Anwendung. Durch den Zusammenschluss unterschiedlicher Akteure in der ALLIANCE soll ein deutlicher Fortschritt der marinen Biotechnologie in der Ostseeregion erreicht werden. 26 Partner aus fast allen Ostseeanrainerstaaten sind heute in der ALLIANCE aktiv. Deren Expertise umfasst die unterschiedlichsten Aspekte der Wertschöpfungskette; angefangen von Forschung und Wissenschaft über Marketingberatung bis hin zur Produktion. Das transnationale Konsortium hat sich zum Ziel gesetzt, die Erfahrungen seiner Mitglieder zu bündeln, um die Entwicklung marktorientierter Produkte der blauen Biotechnologie zu unterstützen. Für mich als Wissenschaftlerin ist es interessant, mit Partnern zusammen zu arbeiten, die die Anliegen der Fallbeispiele aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten und die „Kunden“ in ihrem Vorhaben unterstützen.

Was bringt das Projekt für Ihre Region?

Durch die transnationale Zusammenarbeit öffentlicher und kommerzieller ALLIANCE-Partner wird die Entwicklung nachhaltig erzeugter, mariner Produkte in der Ostseeregion optimiert. Das nach dem Projektende geplante sich selbst tragende Netzwerk von Akteuren soll dabei ein integriertes Dienstleistungsangebot beinhalten, das Unterstützung auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette bietet. Damit trägt das Netzwerk aktiv zum Wachstum des „Blue Biotechnology Sektors“ in der Region bei. Die Arbeit unserer ALLIANCE-Partner mit realen Fallbeispielen ist dabei ein entscheidender Beleg für das ökonomische Potential der blauen Biotechnologie in der Ostseeregion. Die Fallbeispiele sollen künftig das Aushängeschild einer erfolgreichen Produktentwicklung sein. Durch die Förderung ressourcenschonender und umweltfreundlicher Produktion wird darüber hinaus eine Steigerung der globalen Wettbewerbsfähigkeit der Ostseeregion erwartet.

Ostsee Ahlbeck © Rainer Sturm pixelio
Ostsee Ahlbeck © Rainer Sturm pixelio

Warum ist es wichtig, dieses Projekt europäisch umzusetzen?

Da sich die europäische Wirtschaft vermehrt auf biologisch-nachhaltige Produktion stützt, kann die Koordinierung, Förderung und der Vertrieb mariner, biologischer Erzeugnisse auf dem internationalen Markt als Schlüsselprozess angesehen werden. Leider verfügen aber nicht alle Ostseeanrainerstaaten über die notwendigen Ressourcen und Expertise für eine optimale Gestaltung der Handlungsschritte, von Entwicklung über Produktion bis hin zur Vermarktung eines Produkts. In Anbetracht dieser Situation ist der transnationale Ansatz von größter Bedeutung: Nur in Zusammenarbeit haben wir alle notwendigen Akteure und Ressourcen, die es benötigt um eine Produktidee von ihrer Erforschung bis hin zur Marktreife zu entwickeln.

Während der gesamten Projektlaufzeit suchen wir auch nach weiteren Akteuren im Blue Biotechnology Sektor. Das Projekt arbeitet dazu mit Hilfe von Ideenaufrufen (den sogenannten Calls), die zweimal im Jahr stattfinden. Jeder Bewerber kann dort seine Idee einem internationalen Expertengremium präsentieren. Damit wird es uns möglich, der marinen Biotechnologie im Ostseeraum und europaweit Anschub zu verschaffen und zum ,Blauen Wachstum‘ beizutragen.

Vervollständigen Sie: Wenn das Projekt ALLIANCE gelingt, wird in zehn Jahren….

…eine Fülle mariner, biotechnologisch produzierter Erzeugnisse auf dem Markt sein, die den Beweis liefern, dass das Konzept der „Baltic Blue Biotechnology Alliance“ funktioniert.

Ihr bislang schönstes Erlebnis im Rahmen des Projektes?

Die Ideen für marine biologische Produktentwicklung, die uns als Antworten auf unsere Ideenaufrufe  erreichen, sind wunderbar vielseitig. Sie zeigen das enorme Potential biologisch hergestellter Erzeugnisse für verschiedenste Branchen auf. Weiterhin ist es eine schöne Erfahrung, gemeinsam mit einem so vielseitigen und hochkompetenten Experten-Konsortium in der Biotechnologie mit Fallbeispielen zu arbeiten und diese bei ihren nächsten Schritten in Richtung Produktentwicklung zu begleiten.

Bildnachweise: Projekt GEOMAR ©Christoph Wirth, Lebensraum Meer © Janusz Klosowski pixelio, Ostsee Ahlbeck ©Rainer Sturm pixelio

Prof. Dr. Deniz Tasdemir ist Direktorin des GEOMAR-Biotech, GEOMAR Zentrum für Marine Biotechnologie und Leiterin der Forschungseinheit Marine Naturstoffchemie