Interreg
15.08.
2017

Maritime Raumordnung: „Einen Schweinswal interessiert es nicht, ob er durch dänisches oder deutsches Gewässer schwimmt“

Interview mit Nele Kristin Meyer vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie zum Interreg-Projekt Baltic LINes

Offshore-Windpark, ©shutterstock 143571343

Bei der Nutzung der Ostsee herrscht große Konkurrenz, angefacht von vielen oft gegensätzlichen Interessen. Die maritime Raumordnung ist ein wichtiges Instrument zur Koordinierung, damit die Interessen der verschiedenen Akteure auf dem Meer gewahrt werden können ohne dabei der Umwelt  zu schaden oder im Gegensatz zu Planungsvorhaben angrenzender Nachbarstaaten zu stehen. Sie kann daher nur effektiv sein, wenn nationale Pläne sich nicht widersprechen. Projektmanagerin Nele Kristin Meyer vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie erklärt im Interview, warum es so wichtig ist, Schifffahrtsrouten und Korridore für die Energieinfrastruktur abzustimmen und wie das Ostseeraum-Projekt Baltic LINes dazu beiträgt.

In zwei Sätzen: Worum geht es in Ihrem Projekt?

Die Planungsbehörden der Anrainerstaaten bemühen sich im Rahmen des Projektes, die ostseeweite Meeresraumplanung für die genannten Sektoren Schifffahrt und Energie zu verstärken und abzustimmen. Ziel ist es, gegenläufige Planungen an den Meeresgrenzen zu vermeiden und Vorteile der Zusammenarbeit zu nutzen.

Was ist Ihre persönliche Motivation für die Zusammenarbeit an diesem Thema?

Ich bin eine starke Befürworterin der EU und halte grenzübergreifende Zusammenarbeit für eines der Schlüsselkonzepte, um ein friedliches und sicheres Zusammenleben in Europa zu unterstützen. Gerade in Bezug auf die Ostsee ist es zudem wichtig, dass man neben seiner nationalen Perspektive auch das Meer in seiner Gesamtheit erkennt. An erster Stelle kann hier die Meeresumwelt genannt werden. Einen Schweinswal interessiert es nicht, ob er gerade durch dänisches, schwedisches oder deutsches Gewässer schwimmt. Die Regularien für den erlaubten Maximalwert an Unterwasserschall beim Bau von Offshore-Anlagen können sich aber durchaus beträchtlich von Land zu Land unterscheiden. Auch Schadstoffausstoß oder anderweitige Verschmutzung haben immer einen Effekt auf das Ökosystem Meer als Ganzes. Die grenzübergreifende Zusammenarbeit zur Vermeidung von Seeunfällen, zur Einhaltung von Bau- und Emissionsstandards oder zum Schutz von ökologisch wichtigen Gebieten ist daher auch immer von großem nationalem Interesse.

Weiterhin können ja echte Synergien durch grenzübergreifende Planung erzeugt werden. Zum Beispiel hilft eine transnationale Vernetzung der Energieleitungen dabei, eine größere Energiesicherheit insgesamt zu schaffen und von Gas- und Stromimporten aus Nicht-EU-Ländern unabhängiger zu werden. Langfristig kann durch ein engmaschiges länderübergreifendes Energie-Grid der Strom dahin geleitet werden, wo er gerade auch gebraucht und genutzt wird. Wirtschaftlich gesehen ist das sehr viel ökonomischer, aus Sicht der Umwelt sehr viel nachhaltiger. 

Verlegung einer Unterwasser-Pipeline © shutterstock 84870532
Verlegung einer Unterwasser-Pipeline © shutterstock 84870532

Was bringt das Projekt für die Ostsee?

Die Ostsee hat gleich mehrere Besonderheiten. Es handelt sich bei ihr um ein vergleichsweise kleines Meer, das durch den räumlich eng begrenzten Zugang zur Nordsee einen sehr geringen Salzgehalt besitzt und somit ein weltweit einzigartiges Ökosystem darstellt. Zudem verbindet die Ostsee Länder, die durch den Kalten Krieg über Jahrzehnte eine sehr unterschiedliche politische und wirtschaftliche Entwicklung genommen haben. Austausch und grenzübergreifende Planung für Schifffahrt und Energie ermöglichen hier nicht nur die bereits genannten Vorteile der besseren und nachhaltigeren Energieversorgung, der höheren Sicherheit auf See und der Umsetzung gemeinsamer Umweltstandards. Vielmehr stellen sie auch eine Verbindung von Wirtschaftsräumen her, die lange Zeit voneinander entkoppelt waren.

Im Rahmen des Projektes helfen Experten und Stakeholder aus den Bereichen Schifffahrt und Energie dabei, langfristige Entwicklungen aufzuzeigen und die Ostsee mit Blick auf die Zukunft nachhaltig zu planen. Dies ist wichtig, wenn es zum Beispiel darum geht, weitere Gebiete für Offshore-Windanlagen zu verorten oder Schifffahrtsrouten auf zukünftig steigende Verkehre auszurichten. Durch einen solchen Ansatz beugen die Partner Nutzungskonflikten zwischen diesen beiden Sektoren vor und können frühzeitig auf Nutzungsinteressen aus Fischerei, Tourismus und Rohstoffgewinnung eingehen. Dem allen liegt ein Ökosystem-basierter Ansatz in der Raumplanung zugrunde. Damit sollen die vielfältigen Belastungen des Ökosystems im Auge behalten und größeren negativen Umweltauswirkungen vorgebeugt werden. 

Ostsee © shutterstock 162281585
Ostsee © shutterstock 162281585

Warum ist es wichtig dieses Projekt europäisch umzusetzen?

Baltic LINes ist eine wichtige Plattform für die politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Nord-, Ost- und Westeuropa. Die Gebiete, die an die Ostsee grenzen, können auf eine lange Tradition der Zusammenarbeit zurück blicken, die insbesondere in der Hanse begründet ist. Dieser gemeinsame Weg wird auch jetzt wieder erfolgreich beschritten: Im Rahmen von mehreren EU-Projekten zur Maritimen Raumplanung konnten bereits wichtige Projektpartnerschaften geschlossen werden. Baltic LINes baut auf diesen Vorgängerprojekten auf und versucht, die gemeinsame grenzübergreifende Planung entsprechend voran zu treiben.

Das Projekt ist gerade jetzt so wichtig, weil laut einer EU-Direktive von 2014 alle EU-Staaten bis 2021 einen nationalen Meeresraumplan vorlegen müssen, der transnational abgestimmt sein soll. Da im Baltic LINes Projekt alle EU-Ostseestaaten sowie Russland beteiligt und zum Großteil auch durch die nationalen Planungsbehörden vertreten sind, ist das Projekt dafür eine wichtige Plattform.  

Vervollständigen Sie: Wenn das Projekt gelingt, wird in zehn Jahren….

…grenzübergreifend genug Raum für die verschiedenen Nutzungen der Ostsee zur Verfügung stehen – ohne die Umwelt dabei nachhaltig negativ zu beeinflussen.  

Ihr bislang schönstes Erlebnis im Rahmen des Projektes?

Es gibt viele schöne Erlebnisse. Die Partnertreffen sind immer ein Highlight und führen einen an Orte rund um die Ostsee. Durch die langjährige Zusammenarbeit im Rahmen von EU-Projekten herrscht dabei eine fast familiäre Atmosphäre, die zu Gesprächen einlädt, die über die maritime Raumplanung hinausgehen. Die mitunter lustigsten Momente entstehen bei Skype-Konferenzen, bei denen die Technik versagt. Dabei wird meist viel gelacht.

Weitere Informationen: www.balticlines.eu

Bildnachweis: Offshore © shutterstock 84870532, Verlegung Unterwasser-Pipeline © shutterstock 143571343, Ostsee © shutterstock 162281585

Nele Kristin Meyer arbeitet im Sachgebiet Maritime Raumordnung im Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie und ist Projektmanagerin des Baltic LINes-Projektes.