Interreg
11.11.
2014

Makroregionale Strategien und integrierte Regionalentwicklung – ein Widerspruch?

Was der neue Fokus für INTERREG bedeutet

Die Europäische Union fühlt sich nicht nur für ihr Gesamtterritorium zuständig, sondern auch für staatenübergreifende Teilräume, die als Makroregionen bezeichnet werden. Speziell mit den Ostsee- und Donaustrategien der EU von 2009 und 2011 haben neue politische Ansätze in die europäische Politik Einzug gehalten. Was makroregionale Strategien und integrierte Regionalentwicklung für INTERREG und die Projektausrichtung bedeuten, beantwortet Dr. Wilfried Görmar vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Interview.

Herr Dr. Görmar, könnten Sie eine kurze Definition geben, was genau makroregionale Strategien und integrierte Raumentwicklung sind?

  • Makroregionale Strategien bilden den Rahmen, um gemeinsamen Herausforderungen großer, staatenübergreifender Teilräume in Europa zu begegnen und deren nachhaltige Entwicklung sowie den wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalt zu fördern. Integrierte Regionalentwicklung bedeutet daneben, alle wesentlichen regionalen Strukturen wie Siedlungsnetze, Wirtschaftsstandorte oder die Infrastruktur und Naturgegebenheiten im Zusammenhang zu sehen und eine ausgewogene wirtschaftliche, soziale, ökologische und kulturelle Entwicklung sowie den territorialen Zusammenhalt zu fördern.

Wo genau liegt also der Unterschied zwischen beiden Ansätzen?

  • Theoretisch zielen makroregionale Strategien und integrierte Regionalentwicklung in die gleiche Richtung. Praktisch sind die makroregionalen Strategien ein exzellenter Versuch, gesamteuropäische politische Initiativen wie die Strategie Europa 2020 auf die unterschiedlichen Bedingungen europäischer Teilräume anzuwenden. Insofern sind sie ein regionalentwicklungspolitischer Ansatz auf europäischer Ebene. Was die innere Regionalentwicklung in den einzelnen Makroregionen betrifft, gilt es aber noch viel zu verbessern: Hier geschieht die Entwicklung verschiedener Fachbereiche auch im Rahmen der makroregionalen Strategien oft isoliert nebeneinander und gemeinsame Ziele sind rar. Auch deshalb spricht man im Ostseeraum explizit davon, dass das von den Raumordnungsministern der Ostseestaaten erarbeitete langfristige Raumentwicklungskonzept quasi das Konzept der integrierten Regionalentwicklung für die makroregionale Strategie darstellt – Stichwort: VASAB-Vision and Strategies around the Baltic Sea. Das VASAB-Konzept wiederum profitiert von der politischen Kraft und Mitwirkung der verschiedenen Akteure, die es ohne die makroregionale Strategie nicht erreichen würde. Makroregionale Strategie und integrierte Regionalentwicklung gehören also eigentlich zusammen – sie finden aber nicht im Selbstlauf zusammen, sondern nur durch aktives Handeln aller Beteiligten.

Wieso sind die makroregionalen Strategien ein Schwerpunkt der neuen Förderperiode?

  • Von den 16 transnationalen Programmen im Rahmen von INTERREG V B tragen vier unmittelbar zur Umsetzung makroregionaler Strategien der EU bei. Dies ist die erste Förderperiode, in der unter anderem die transnationalen Programme die Umsetzung bestehender makroregionaler Strategien von Beginn an unterstützen. Insofern werden sich hier in besonderem Maße Erkenntnisse zum Nutzen und zu Erfolgsfaktoren für makroregionale Strategien gewinnen lassen.

Wie verändern sich Regionen durch makroregionale Strategien und wie profitieren sie davon?

  • Ich denke, dass durch die makroregionalen Strategien vor allem die Projekte eine viel größere Aufmerksamkeit erhalten und zielgenauer angelegt werden können. Somit können auch Lösungen breiter umgesetzt werden. Außerdem wird das Zusammenwirken der Akteure gefördert. Damit erhöht sich die Akzeptanz für die Lösungen. Ein Beispiel sind Projekte und Aktivitäten zum intelligenten Stromnetz im Donauraum (Danube Smart Grid Konzept). Hier versucht man, für die sehr unterschiedlichen Systeme der Stromerzeugung, -speicherung, -verteilung und -nutzung eine bessere Vernetzung und Steuerung zu erreichen und damit die regionalen Energieressourcen besser auszunutzen. Das hat für jeden Bürger praktische Auswirkungen. Ähnliche Beispiele finden sich beim Zusammenwirken von regionalen Behörden, Wissenschaftlern und Fachbereichen – zum Beispiel Landwirtschaft, Schifffahrt und Industrie – bei  der Reinhaltung der Ostsee, beim Hochwasserschutz im Donauraum, oder bei der Innovationsförderung für kleine und mittelständische Betriebe in Ostsee- und Donauraum.

Welche Herausforderungen gibt es bei der Umsetzung von makroregionalen Strategien und welche Lösungsansätze werden angewandt?

  • Es gibt natürlich inhaltliche Herausforderungen, etwa was die nachhaltige Nutzung der Ostsee und die Verbesserung ihrer Wasserqualität oder was die Hochwasservorsorge und die Verringerung der großen Entwicklungsunterschiede im Donauraum anbelangt. Es gibt viele Lösungsansätze, die aber auch noch wirksamer zusammengeführt werden müssen. Hier können und müssen die makroregionalen Strategien noch mehr leisten. Weiterhin gibt es Herausforderungen für die Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche untereinander, aber auch mit einzelnen Regionen. Es ist manchmal vielleicht nicht erforderlich, das ganz große Rad zu drehen und zu versuchen, alles zu koordinieren. Vielleicht ist es schon sehr hilfreich, wenn einzelne Bereiche besser miteinander kommunizieren etwa um im Alpenraum die Interessen von Umweltschutz, Tourismus und Transitverkehr besser miteinander zu verbinden und so Konflikte zu lösen.

Welche Rolle spielen INTERREG sowie die einzelnen Projekte und Partner dabei?

  • Die INTERREG-Projekte spielen eine sehr wichtige Rolle, weil sie von vornherein auf staatenübergreifende, makroregionale Problemlösungen angelegt sind. Das Anliegen makroregionaler Strategien kann also sehr gut durch transnationale oder auch grenzübergreifende INTERREG-Projekte demonstriert werden. Umgekehrt erhalten transnationale Projekte durch die Einbeziehung in makroregionale Strategien eine größere politische Beachtung und Unterstützung bei der Umsetzung. Wegen ihres vergleichsweise geringen Finanzumfangs können transnationale Projekte aber nicht allein den Erfolg makroregionaler Strategien bewirken. Hier bedarf es der Unterstützung durch andere regionale Förderprogramme, nationale und private Investitionen.

Was glauben und hoffen Sie: Wie haben sich die makroregionalen Strategien bis zum Ende der aktuellen Förderperiode auf den INTERREG-Raum ausgewirkt?

  • Ich glaube, dass die makroregionalen Strategien die nachhaltige und räumlich ausgewogene Entwicklung der Regionen fördern können. Auch, dass die makroregionalen Strategien zu einer besseren Nutzung von regionalen Entwicklungspotentialen sowie zu Konfliktlösungen in den Regionen beitragen und dabei die fachübergreifende Zusammenarbeit in einigen ausgewählten Handlungsfeldern voranbringen, halte ich für wahrscheinlich. Dann wäre schon Vieles gewonnen.

Dr. Wilfried Görmar ist Mitarbeiter im Referat Europäische Raum- und Stadtentwicklung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Inhaltliche Schwerpunkte seiner Arbeit sind die europäische Raumentwicklungspolitik und die Transnationale territoriale Zusammenarbeit im Rahmen von INTERREG. Er betreut auf Seiten des BBSR die Kooperationsräume Mitteleuropa und Donauraum.