Interreg
15.02.
2016

„Interreg ermöglicht das kreative Arbeiten jenseits des Alltags“

Interview mit dem langjährigen Interreg-Akteur Christoph Pienkoß

Christoph Pienkoß leitet einen Workshop bei der Konferenz "Transnationale Zusammenarbeit in Europa - so geht es weiter!" im Mai 2014. © DV, Michael Kirsten

Sie haben die transnationale Zusammenarbeit zwischen 2001 und 2015 begleitet. Welche Veränderungen haben Sie während dieser Zeit feststellen können?

Die Inhalte der Projekte haben sich deutlich verschoben. Kultur und Tourismus spielen in der aktuellen Förderperiode kaum mehr eine Rolle. Stattdessen liegt der Fokus auf Wirtschaftsthemen und der Umsetzung der EU-Strategie 2020. Auch das Schreiben von Anträgen und die Projektorganisation waren 2001 vergleichsweise einfach. Durch die komplexeren Strukturen wollte man die Projekte besser machen. Aber man muss auch sehen, dass dies auf Akteurs-Seite manchmal als Knüppel zwischen die Beine empfunden wurde. Die Projekte spielen sich heute außerdem in ganz anderen geografischen Bereichen ab. Mit der EU-Osterweiterung wurden Projekte insbesondere mit Polen möglich, auch Kroatien hat heute eine wichtige Rolle.

Was sich nicht geändert hat, ist die Bedeutung des sozialen Gefüges in den Projektteams. Ist die Zusammenarbeit ein kreatives Miteinander oder ein trockenes Abhaken von Leistungsbausteinen? Das hing 2015 genau wie 2001 stets von den beteiligten Personen und Institutionen ab.

Wie ordnen Sie diesen Wandel ein?

Ich kann die genannten Änderungen nachvollziehen, die waren gut. Interreg ist auch ein Werkzeug, um neue EU-Staaten einzubinden und mitzunehmen. Ich glaube zwar nicht, dass durch die geforderte thematische Konzentration so viel bessere Projekte entstehen, wie es sich die Programmverantwortlichen vielleicht wünschen – zudem gab es bereits in der Vergangenheit viele hervorragende Projekte. Aber es gibt heute durchaus eine stärkere Besinnung darauf, was man in den Projekten eigentlich tut, auf welche Weise und warum. Denn die Akteure sind gezwungen, permanent vorauszudenken und zu antizipieren, welche Ergebnisse sie erzielen möchten. Das zeigt Wirkung.

Das Bild zeigt die backsteingotische Marienburg in Polen.

 

Gibt es einen gewissen „Zukunftstrend“?

Ja, das Bemühen, Ergebnisse auch wirklich anzuwenden. Wirtschaft, „Nutzer“ und Institutionen werden stärker einbezogen. Die Programmverantwortlichen, die Projektakteure und auch das Bundesprogramm Transnationale Zusammenarbeit verlassen ihren teils durchaus vorhandenen Elfenbeinturm viel mehr als früher.

 Was sind die Stärken der transnationalen Zusammenarbeit?

Da gibt es natürlich extrem viele! Aber um zwei herauszugreifen: Interreg bietet die Zeit, den Raum und die Mittel dafür, dass Institutionen aus verschiedenen Staaten sich kennenlernen und Verständnis füreinander entwickeln. Dieses Verständnis füreinander ermöglicht eine Zusammenarbeit auf Arbeitsebene auch dann, wenn die politische Großwetterlage gerade mal wieder nicht so günstig ist. Gerade da spielt sich Interreg nämlich ab: Auf der Arbeitsebene, die jeden Staat im Alltagsgeschäft prägt, zum Beispiel in Wirtschaft oder Verwaltung.

 Zum zweiten ist Interreg eine relativ offene Bühne, auf der man kreativ und zielgerichtet zu Ergebnissen kommen kann. Das Programm ist eine Art „Testballon“: Es ermöglicht das Agieren jenseits der normalen Konventionen, die den Arbeitsalltag sonst bestimmen.

Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

Noch mehr Projektverantwortliche sollten sich über die Anwendung der erreichten Ergebnisse Gedanken machen. Immer noch gibt es in diesem Bereich ein enormes ungenutztes Potenzial. Auch für die Rechtfertigung des Programms ist das wichtig.

Das Bild zeigt eine Gruppe von Menschen, die eine Landkarte auf dem Boden betrachten.

 

Welche Erlebnisse oder Projekte sind Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Kurz vor der EU-Osterweiterung im Februar 2004 hatten wir beim Abschluss von EuRoB I* die Möglichkeit, die Marienburg in der Nähe von Danzig zu besichtigen: Die Wände dort waren komplett vereist, und wir hatten eine Privatführung in der Burg, durch die heute jährlich hunderttausende Besucher geschleust werden. Beeindruckend!

Eines der Projekte, die mir lebhaft in Erinnerung geblieben sind, war das CADSES-Projekt Green Keys. Die Partnerinstitutionen waren unter anderem Grünflächenämter und ähnliche Institutionen. Alle standen so sehr hinter dem Thema, dass wir bei den Projekttreffen oft nach dem Abendessen bis in die Nacht weitergetagt, -diskutiert und -gearbeitet haben. Insgesamt war dieses Projekt geprägt durch eine enorm offene, kreative und auch unterhaltsame Atmosphäre.

* Projekt EuRoB I: Interreg III B Ostseeraum, Erster Call, 2002-2004: Aufbau einer Europäischen Route der Backsteingotik. 

Was haben Sie ganz persönlich aus dieser Zeit mitgenommen?

Interreg bedeutet einen Blick über den Tellerrand, vor allem was die deutsche Sichtweise auf bestimmte Verhältnisse anbetrifft. Ich hatte die Chance, Länder wie Polen oder Italien nicht aus einer touristischen, sondern aus einer fachlichen Sicht kennenzulernen. Dabei wurde mir klar, warum dort manches so ist, wie es ist. In Polen sind die Entscheidungsstrukturen extrem zentralisiert. Wenn man das nicht weiß, kommen einem die Abläufe manchmal unverständlich vor. Und Italien ist tief gespalten, zwischen Norden und Süden verläuft eine Kluft, die das Land und seine Entscheidungen prägt.

Die Erfahrung, in internationalen Teams zu arbeiten, war extrem befriedigend. Man lernt interkulturelle Kompetenzen und, banal gesagt, zu kommunizieren. Das sind Dinge, die einem auch später nicht mehr verloren gehen und in allen Bereichen weiterhelfen.

Was raten Sie Antragstellern bzw. Projektakteuren, die neu mit Interreg anfangen?

Lest das Handbuch für Antragsteller und alle weiteren Informationen auf www.interreg.de! Unterhaltet euch vorher mit Leuten, die schon Erfahrungen mit Interreg gemacht haben. Und beherzigt unbedingt die Programmdokumente! Das ist zwar mühsam, muss aber sein und ist auch wirklich hilfreich. Zudem solltet ihr euch überlegen, ob das, was ihr machen wollt, auch wirklich zu den Interreg-Programmen passt. Sonst muss man am Ende sich selbst oder Interreg verbiegen.

Zum Abschluss: Ihre drei Gründe, warum sich Interreg lohnt.

Weil es eine persönliche Bereicherung ist. Weil es eine Bereicherung für das Zusammenwachsen Europas ist. Weil es – auch wenn das nicht immer so wahrgenommen wird – eine Bereicherung für jeden Mitgliedstaat ist!

Christoph Pienkoß arbeitete von 2001 bis 2015 beim Deutschen Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e. V. in Berlin. Zuletzt hatte er dort die Rolle des Geschäftsführers inne. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit lag auf Interreg B-Projekten zu den Themen Verkehr, Korridor- und Regionalentwicklung in Ost- und Südosteuropa. Seit Oktober 2015 ist Pienkoß Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Qualität in Frankfurt am Main.

Heike Mages ist Projektleiterin und Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung in Berlin. Sie unterstützt das BBSR bei der Kommunikation und dem Ergebnistransfer für Interreg und das Bundesprogramm Transnationale Zusammenarbeit.