Interreg
21.07.
2015

"Zusammenarbeit bedeutet, Brücken zu bauen"

Guillaume Terrien vom INTERACT-Point Viborg im Gespräch

Als gelernter Kartograph mit einem Abschluss in Geographie, Sprachen und European Studies war es für Guillaume Terrien kein großer Schritt zur transnationalen Zusammenarbeit in Europa. Heute ist er Kommunikationsverantwortlicher des INTERACT-Point Viborg (Dänemark) und war maßgeblich an der Gestaltung einer gemeinsamen Interreg-Marke sowie der Harmonisierung und Vereinfachung von Programmstrukturen im Vorlauf der aktuellen Förderperiode beteiligt. Im Interview verrät er, wieso er transnationale Zusammenarbeit für ein experimentelles Gericht hält, und was er den Hindernissen in diesem Bereich entgegenzusetzen hat.

Herr Terrien, Sie sind Franzose, haben in Brüssel gearbeitet und sind nun in Dänemark: Gibt es unterschiedliche Ansätze der transnationalen Zusammenarbeit in den verschiedenen Ländern?

  • Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Während meiner Zeit in Brüssel hatte ich nicht direkt mit Interreg zu tun, sondern im Rahmen einer kulturellen Kooperation zwischen zwölf nationalen kulturellen Instituten wie dem Goethe Institut, der Alliance Française, dem British Council, dem Instituto Cervantes oder dem Danish Cultural Institute. Die Unterschiede fingen schon beim Verständnis des Wortes „Kultur" an und dessen, was die Institute in ihrer Zusammenarbeit erreichen sollten. Anstatt also zu versuchen, sich auf eine Definition von „Kultur" zu einigen, haben wir zunächst versucht, Multikulturalität in Europa zu definieren. Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir uns nicht einigen können – und dann geschaut, wo wir Brücken bauen können.

    Diese Erfahrung hat mich gelehrt, dass transnationale Zusammenarbeit den Menschen nicht aufgezwungen werden kann. Sogar die engagiertesten Menschen brauchen viel Zeit, bis sie diese leben. Das soll nicht die positiven Ergebnisse und bemerkenswerten Erfolge der transnationalen Zusammenarbeit schmälern, es zeigt nur, dass – weil die Arbeit mit einem hohen Aufwand verbunden ist – die Akteure eine bestimmte Geisteshaltung brauchen. Die Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, haben eines gemein: Für sie ist das nicht nur ein Job. Um echte grenzübergreifende Kooperationen aufzubauen, braucht es Zeit und Ressourcen.

    Aus meiner Erfahrung bei INTERACT und dem direkten Kontakt mit den Programmen weiß ich, dass im Rahmen von Interreg der Versuch unternommen wird, die verschiedenen Ansätze aneinander anzugleichen und sie im Sinne des großen Ganzen zusammenzuführen. Unterschiedliche administrative Strukturen, unterschiedliche Personen mit individuellen Hintergründen und unterschiedliche Kompetenzen bei der Programmsteuerung sind Kapital und Hindernis zugleich für transnationale Kooperationen. Interreg lässt sich mit einer experimentellen Küche vergleichen. Es geht darum, die verschiedenen Zutaten zu mischen, und diese Mischung ist die beste und harmonischste Antwort auf die Eigenheiten der einzelnen Programme. Die unterschiedlichen Ansätze sind das Herz von Interreg, diese Unterschiede zu vermengen, das Ziel der Förderung. Die Menschen sind sich ihrer Unterschiede bewusst, aber ebenso sind sie bereit, die notwendige Energie für das gemeinsame Ziel aufzubringen – jeder nach seinen Möglichkeiten. Deshalb ist jedes Programm so unterschiedlich und kann kaum standardisiert werden.

Wie bewerten Sie das Interesse an der Interreg-V-B-Förderperiode bis jetzt? Wie muss sich Interreg V B entwickeln, damit es in Ihren Augen zum Erfolg wird?

  • Von der neuen Förderperiode erhoffe ich mir das Engagement neuer Partner in den Projekten. Der ergebnisorientierte Ansatz, gepaart mit einem thematischen Fokus, erlaubt es den Programmen, potenzielle Akteure gezielter anzusprechen. INTERACT hat einen guten Überblick über alle Interreg-Programme; wir haben sie bei der Vorbereitung auf diese neuen Rahmenbedingungen und die neue Periode aktiv unterstützt. Ebenso haben wir die Entwicklung neuer Werkzeuge koordiniert: verbesserte Tools zu Programmimplementierung- und -management. Die Programme haben sich dabei sehr engagiert gezeigt, und ohne sie wäre es INTERACT nicht möglich gewesen, diese Ziele zu erreichen – es beweist aber auch, dass die Programme hier dieselben Wünsche hatten. Zusammen haben wir herausgefunden, was allen gemein ist – ihnen aber auch dort Freiheiten gelassen, wo die Eigenheiten es erforderten.

    Zu diesem Zeitpunkt das Interesse an der aktuellen Förderperiode zu bewerten, ist schwierig, da bisher erst wenige Calls geschlossen wurden und noch keine umfassende Auswertung stattgefunden hat. Trotzdem: Mit dem Aufwand, den wir für die Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen betrieben haben und mit der Gestaltung einer neuen, gemeinsamen Marke, hoffen wir, die Sichtbarkeit von und den Zugang zu Interreg deutlich verbessert zu haben – und wir glauben fest daran, dass sich das auszahlen wird.

INTERACT hat im Vorfeld der aktuellen Förderperiode die Antragsformulare und die Abschlussberichte vereinheitlicht sowie die Regularien für die Projekte reduziert. Können Sie hier positive Effekte erkennen?

  • Diese Umstellung war bei INTERACT ein echtes Langzeitprojekt, in das wir viele personelle Ressourcen gesteckt haben. Wir haben vor drei Jahren begonnen, aber es ist immer noch zu früh, um ein abschließendes Urteil zu fällen. Die Rückmeldungen, die wir von Akteuren bekommen, die am Prozess beteiligt waren, geben aber durchaus Anlass zur Zufriedenheit.

Wie kann INTERACT Interreg-Projekte unterstützen, nachhaltiger zu wirken und ihre Ergebnisse weithin sichtbar zu machen?

  • Die Nachhaltigkeit der Projekte zu garantieren, fängt damit an, ihre Sichtbarkeit und vor allem auch die ihrer Ergebnisse nachhaltig zu verbessern. Aber Sichtbarkeit allein reicht nicht aus. Die breite Öffentlichkeit muss den Mehrwert sehen und verstehen, was Interreg zu erreichen versucht. Sowohl die Programme als auch die Projekte werden beide von der besseren Sichtbarkeit des jeweils anderen profitieren.

    Größere Sichtbarkeit zu erreichen und ein einheitliches Bild von Interreg zu vermitteln – sowohl auf europäischer Ebene als auch was die Außendarstellung der einzelnen Projekte anbelangt –, war eines der Hauptziele bei der Gestaltung einer gemeinsamen Interreg-Marke durch INTERACT und die Programme. Dank dieser gemeinsamen Identität ist es nun einfacher, Projekte und deren Ziele zu vermitteln. Dank der Anpassungen im Vorfeld erwarten wir uns in der aktuellen Förderperiode erfolgreichere Projekte, die dann natürlich auch nachhaltiger und so wiederum selbst in der Lage wären, neue, bessere und nachhaltigere Projekte anzuziehen. Wir sind auch dabei, die Projektdatenbank KEEP zu verbessern. Dieses Archiv für Interreg-Projekte soll die Projektergebnisse für alle zugänglich machen. Diese Einblicke in die Vergangenheit werden hoffentlich Inspiration für bessere und innovativere Projekte sein.

    Aber selbst in den Programmen ist die interne Kommunikation nicht immer einfach, und das verhindert mitunter bessere Resultate. INTERACT hilft den Programmen deshalb auch dabei, ihre internen Kommunikationsprozesse zu evaluieren, sodass das Projektmanagement und die Kommunikationsmitarbeiter sich der Rolle des jeweils anderen wirklich bewusst werden und gemeinsam die Nachhaltigkeit von Projekten unterstützen können.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Hindernisse bei der transnationalen Zusammenarbeit und wie können sie überwunden werden?

  • Interreg ist ein Labor für großangelegte Kooperationen und gleichzeitig die Speerspitze europäischer Integration. Interreg wurde entwickelt, um die Hindernisse, die Staatengrenzen mit allem was sie bedeuten – verschiedene Kulturen, administrative Besonderheiten, Sprachen, Regularien usw. – zu überwinden. Diese Hürden wirken oftmals abschreckend und verhindern grenzübergreifende Kooperationen, die einen starken Willen und einen ebenso starken Glauben an das mögliche Ergebnis erfordern. Interreg liefert einen Anreiz, diese Barrieren anzugehen. Leider haben Interreg und die europäischen Vorgaben mit langen und komplexen Verfahren eine zusätzliche bürokratische Last geschaffen. Das Risiko besteht darin, dass die finanziellen Anreize sowohl den erfahrenen als auch neuen Bewerbern daher nicht mehr ausreichen.

    Vereinfachung und Harmonisierung waren Schlüsselbegriffe während der Vorbereitung auf die neue Programmperiode; vieles wurde getan, vieles muss noch getan werden. In vielen Punkten liegt es auch an den einzelnen Mitgliedsstaaten, Probleme zu lösen, um die transnationale Kooperation zu erleichtern. Dieser Prozess schließt auch eine Veränderung der administrativen Kultur, nationaler Regularien und nicht zuletzt den Aufbau von Vertrauen über Grenzen hinweg ein – ebenfalls eines der grundlegenden Ziele von Interreg. Aber auch hier gilt: Gut Ding will Weile haben.

    Eine weitere große Gefahr, die sich über die Jahre noch verstärkt hat, ist das Gießkannenprinzip bei der EU-Förderung. Man ist sich dieses Risikos bewusst, und deshalb sollen in der neuen Periode die Ergebnisorientierung und der neue thematische Fokus dafür sorgen, dass die Projekte nachhaltig wirken.

Sie haben einen Abschluss in Geographie, Sprachen und Europäischen Studien und haben als Kartograph gearbeitet: Sind Sie der ideale Protagonist der transnationalen Zusammenarbeit?

  • Die Geographie lehrte mich, Gebiete zu lesen und die Herausforderungen regionaler Entwicklung zu verstehen. Sprachen vertieften mein Verständnis der Multikulturalität und meine Fähigkeit, damit umzugehen. Die Europäischen Studien gaben mir die Möglichkeit, die Realität des Managements eines EU-geförderten Projekts kennenzulernen, sowohl was die hohen Erwartungen als auch was das tägliche administrative Management anbelangt. Interreg scheint für diese Fähigkeiten zwar eine natürliche Umgebung zu bilden, aber ein bestimmter Lebenslauf ist nicht nötig,  um Teil davon zu werden. Vielmehr brauchen wir verschiedene Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Erfahrungen und Kompetenzen. Interreg ist ein Mikrokosmos grenzübergreifender Kooperation, wo die Vielfalt nur bereichernd wirken kann. Wenn es einen gemeinsamen Nenner aller Interreg-Akteure geben sollte, dann ist das die Überzeugung, dass Zusammenarbeit der Schlüssel zu einem besseren, integrierten Europa ist und gleichzeitig der einzige Weg, Herausforderungen zu lösen, die selbst keine Grenzen kennen. Interreg ist dank dem Hinzukommen neuer Akteure und ihrer Kompetenzen einem ständigen Wandel unterworfen.

    Ich selbst habe Karten immer geliebt, selbst bevor ich als Kartograph gearbeitet habe. Karten sind ein machtvolles Werkzeug, um die Welt, in der wir leben, oder eine Situation zu beschreiben, Trends zu zeigen oder sogar historische Geschehnisse zu nachzuvollziehen. Wir haben den Fernsehsender arte anlässlich des 25. Interreg-Jubiläums um eine Sonderausgabe „Mit offenen Karten" gebeten. Ich finde die Sendung fantastisch und bin wirklich gespannt auf das Ergebnis, das in zeitlicher Nähe zu den Feierlichkeiten des EU-Präsidiums gemeinsam mit der EU-Kommission und INTERACT im September auf arte vorgestellt werden soll.

Was bedeutet das INTERACT-Motto „Cooperation is the key to a better Europe" für Sie persönlich?

  • Kooperation bedeutet, gemeinsam an einem Ziel zu arbeiten. Es ist bereits ein großer Schritt nach vorne, sich gemeinsam die anzugehenden Probleme bewusst zu machen, und zusammen nach Lösungen zu suchen. Kooperation braucht Vertrauen, schafft es aber auch. Die Europäer müssen lernen, sich gegenseitig zu vertrauen, denn – das kann man ja heute noch täglich in den Nachrichten sehen – soweit ist es noch nicht. Mit Europäern, die sich vertrauen, wäre definitiv auch die EU stärker und näher an ihren Gründungszielen und -prinzipien.

    Darüber hinaus sind viele der aktuellen Herausforderungen unabhängig von nationalen Grenzen. Sie können nur durch Kooperation gelöst werden: die Arbeit für eine bessere und sichere Umwelt, eine Antwort auf den demographischen Wandel, die Unterstützung von Innovationen und die Sicherung der wirtschaftlichen Entwicklung sowie die Wahrung unseres kulturellen Erbes. Dies ist die Tür zu einem besseren Europa und die Kooperation ist der Schlüssel dazu.

Guillaume Terrien ist gebürtiger Franzose und im dänischen Viborg für die Kommunikation des dortigen INTERACT Points verantwortlich. INTERACT unterstützt diverse europäische Kooperationsprogramme, darunter ESPON und Interreg. Guillaume selbst war zuvor als Kartograph und im Bereich der Europäischen kulturellen Zusammenarbeit und der Sprachenpolitik in Brüssel tätig.