Interreg
02.06.
2015

Wasserstandsmeldung: Projektskizzen und Prioritätenwahl

Ergebnisse und Erkenntnisse aus den ersten vier Interreg-Calls

Während der erste Call im Nordseeraum noch läuft und die Interessierten im Donauraum weiterhin auf den Startschuss warten, sind in den andern vier Räumen nach den Antragstellern nun die Programmbehörden dran: Die potenziellen Interreg-Partner haben insgesamt 1.203 Projektskizzen eingereicht, die es zu prüfen gilt. Welche Idee bietet einen echten Mehrwert für die transnationale Zusammenarbeit in Europa? Wo liegt großes Innovationspotenzial und wo ist die institutionelle Struktur der Konsortien vielversprechend?

Rein zahlenmäßiger Spitzenreiter mit 620 Programmskizzen und einem geschätzten Gesamtvolumen von 1.200 Millionen Euro für die beantragten Projekte ist Mitteleuropa. Dahinter folgen der Ostseeraum mit 282 Interessenbekundungen und die Alpen mit 219 Anträgen. Nordwesteuropa, der urbanste und am dichtesten besiedelte Interreg-Programmraum, kommt auf 82 Projektskizzen.

Wirtschaft und Umwelt als Schwerpunktthemen

Bei den gewählten Prioritäten lässt sich eine Verteilung erkennen, die allen Programmräumen gemein ist: Ähnlich wie in den Vorjahren liegen die Schwerpunkte auf Innovationen und der wirtschaftlichen Entwicklung – also dem Thema „Wirtschaft, Arbeit, Leben“ – sowie im Bereich Umwelt und Ressourcen.

Überblick über die eingereichten Projektskizzen nach Thema und Programm. (Quelle: BBSR)

Energie und Klimawandel ist in der aktuellen Förderperiode erstmals ein eigenständiges Thema und dafür gut mit Anträgen vertreten; knapp 17 Prozent der Interessensbekundungen entfallen durchschnittlich über alle Programmräume hinweg auf dieses Thema. Mobilität und Verkehr hat den kleinsten Anteil – dies ist nicht neu und seit Beginn der transnationalen Zusammenarbeit 1997 so zu beobachten. Für mich zeigt das Interesse, dass die Projektpartner auf Vertrautem aufbauen wollen und damit in den Programmen in allen Bereichen für noch bessere, spezifischere Ergebnisse sorgen können.

Alte Bekannte und neue Lead-Partner

Im Alpenraum- und im Mitteleuropaprogramm ist (wieder einmal) zu beobachten, dass der Anteil italienischer Lead-Partner überproportional hoch ist. Weil es im Land zwischen Alpen und Mittelmeer eine automatische Deckung des Eigenanteils aus dem Budget des Staates gibt, wirken die Programme für potenzielle Partner natürlich gleich noch ungemein attraktiver als in anderen Staaten. Dafür entfällt der Qualitätsfilter, der bei Einrichtungen, die eigene Mittel einsetzen müssen, vorgeschaltet ist, hier leider oftmals.

Wirklich überrascht hat mich die enorm starke Beteiligung slowenischer Partner: Im Alpenraumprogramm stellen sie die zweitgrößte Gruppe an Lead-Partnern. Mehr als doppelte so viele Interessenten als in Deutschland wollen hier die führende Rolle im Projekt ausfüllen und auch deutlich mehr als jene aus Österreich oder Frankreich. In Mitteleuropa liegen die slowenischen Leadpartner ebenfalls an der Spitze, gleichauf mit Polen und Ungarn – und auch hier noch vor Deutschland.

Aus Ideen innovative Projekte formen

Dieses Bild wird sich nach der Bewertung durch die Programmbehörden erfahrungsgemäß allerdings noch ändern. Im Ostseeraumprogramm liegt der Anteil der deutschen Lead-Partner an den zur zweiten Runde eingeladenen 81 Projekten mit 30 Prozent fast doppelt so hoch wie in der ersten Runde. Ein wichtiger Grund dafür ist meiner Meinung nach die langjährige Erfahrung deutscher Akteure mit europäischer Strukturförderung im Allgemeinen und Interreg im Speziellen.

Noch nicht vollständig ausgewertet ist die institutionelle Struktur der Antragsteller. Die Zielgruppen bei Interreg B sind breit gefächert und umfassen Behörden aller Ebenen, Kammern, Vereine und Verbände, Forschungseinrichtungen und Hochschulen, Wirtschaftsförderer oder auch Unternehmen. In den Vorjahren war eine immer stärkere Rolle von Forschungseinrichtungen und Hochschulen zu erkennen. Dies hat sicher mit der verstärkten Ausrichtung auf Innovation und der Finanzlage vieler öffentlicher Haushalte vor allem außerhalb Deutschlands zu tun. Um das Ziel einer noch stärkeren Umsetzungsorientierung zu erreichen, brauchen wir aber vor allem Partner aus der Praxis. Hier müssen die Mitglieder der Programmgremien bei der Auswahl der Projektskizzen genau hinschauen.

Jens Kurnol ist Mitarbeiter im Referat Europäische Raum- und Stadtentwicklung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Inhaltliche Schwerpunkte seiner Arbeit sind die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen und die transnationale territoriale Zusammenarbeit im Rahmen von INTERREG. Er betreut auf Seiten des BBSR die Programme für den Nordseeraum und Ostseeraum.