Interreg
31.01.
2018

InduCult2.0 hilft Industrieregionen aus Mitteleuropa, ihre Kultur zu entdecken

Interview mit Carsten Debes vom Landkreis Zwickau

Industriekultur© Faber & Marke, Dresden

Der Landkreis Zwickau ist stark industriell geprägt und bezeichnet sich selbst als „Motor der sächsischen Wirtschaft“. Mit dem anstehenden Umbau der Industrie, nicht zuletzt durch die zunehmende Digitalisierung vorangetrieben, ist der Landkreis aktuell dabei, sein Leitbild neu zu interpretieren. Vor ähnlichen Herausforderungen der Transformation stehen auch andere klein- und mittelständisch geprägte europäische Industrieregionen. Das Mitteleuropa-Projekt InduCult2.0 hilft solchen Regionen dabei, ihre industriegeprägte Kultur wieder zu entdecken und sie als Identitätskern zukunftsorientiert und positiv zu besetzen. Projektmanager Carsten Debes vom Landkreis Zwickau erklärt im Interview, warum es für traditionelle Industrieregionen heute so wichtig ist, eine lebendige Industriekultur als regionales Identitätsprofil zu etablieren.

In zwei Sätzen: Worum geht es in Ihrem Projekt?

Wir helfen Industrieregionen abseits der Metropolen, ihre eigene spezielle Kultur zu entdecken und weiterzuentwickeln. Ziel von InduCult2.0 ist, dass in allen beteiligten Regionen Industriekultur lebendig wird – jeweils gemeinsam mit ganz heterogenen Kulturträgern vor Ort: Museen und Festivalmacher gehören ebenso dazu wie Unternehmen und Hochschulen. Auch Kreativschaffende sind in den Prozess eingebunden.

Was ist Ihre persönliche Motivation für die Zusammenarbeit an diesem Thema?

Ich arbeite schon mehrere Jahre für den Landkreis Zwickau. Die Menschen hier sind schon seit Generationen Techniker, Ingenieure und Mechaniker. Gerade befinden wir uns in einer spannenden Phase industrieller Neuorientierung: Maschinelle Produktion beruht immer mehr auf Informations- und Kommunikationstechnologie. Für den Elektroantrieb – wesentlich an einem Standort der Automobilproduktion wie Zwickau – werden gerade die Weichen gestellt. Industrie 4.0, bisher mehr ein theoretischer Ansatz, wird gegenwärtig real, und mit ihr Veränderungen in der Arbeitswelt. Diese Neuerungen prägen die Gesellschaft jetzt schon und in Zukunft noch mehr. Wir wollen mit dem Projekt die Menschen mitnehmen und mit ihnen diesen Übergang aktiv mitgestalten – im Sinne von „Industrie formt Gesellschaft, Gesellschaft formt Industrie“.

Industriekultur in Zwickau@Carsten Debes
Industriekultur in Zwickau@Carsten Debes

Was bringt das Projekt für Ihre Region?

Wir arbeiten mit InduCult2.0 an einem Kernthema der Region, das über den Landkreis hinaus den ganzen Raum Chemnitz betrifft. Industriekultur ist nicht nur ein zentraler Identitätsstifter für die Menschen hier, sondern auch ein derzeit noch unterbewerteter Standortfaktor für Investoren und Touristen. Mit den Akteuren im Landkreis entwickeln wir unser eigenes Verständnis von Industriekultur, das dann nach innen und außen getragen werden kann. Dabei ist unter anderem die Argumentationsbroschüre „Authentisch und dynamisch: 11 Gründe für eine lebendige Industriekultur im Landkreis Zwickau“ entstanden. Gleichzeitig haben wir das Glück, dass das Thema Industriekultur gegenwärtig v. a. in Deutschland in Mode ist. Für Industriekultur wird im Ruhrgebiet, in Berlin und Brandenburg, in Thüringen, im Rhein-Main-Gebiet und, mit gutem Grund, auch in Sachsen getrommelt. Sachsen hat sich diesbezüglich Großes auf die Fahnen geschrieben: 2020 soll eine Landesausstellung „Industriekultur in Sachsen“ und das „Jahr der Industriekultur“ stattfinden. Die bedeutendste Stadt im Landkreis, Zwickau, ist dabei als Standort für die Zentralausstellung vorgesehen. Insofern kommen hier auch zeitlich viele Initiativen zusammen, was uns im Projekt sehr hilft. Schließlich setzen wir in der Region konkrete Pilotmaßnahmen um. Hierfür zwei Beispiele: Gemeinsam mit der Tourismusregion Zwickau wird das Format „Tage der Industriekultur Chemnitz“ auf den gesamten Landkreis ausgedehnt. Innovative und der Region verbundene Unternehmen öffnen dann ihre Türen und bieten den Besuchern einen direkten Einblick in ihre tägliche Arbeit. Mit Hilfe von InduCult2.0 fördern wir aber auch praktische Kooperationen zwischen Industrieunternehmen und -museen im Bildungsbereich sowie im Tourismus. So nimmt etwa das Textil- und Rennsportmuseum Hohenstein-Ernstthal, gemeinsam mit dem Landkreis und den ansässigen Unternehmen der Branche, in einer Sonderausstellung die gegenwärtige Textilproduktion in den Blick.

Warum ist es wichtig, dieses Projekt europäisch umzusetzen?

Die Idee lebendiger Industriekultur ist neu. Ein Austausch zwischen den Regionen hilft hier sehr: Partner können im Diskurs überhaupt erst einmal feststellen, was das Konzept beinhaltet und für sie in ihrer Region ermöglicht. Sie können gegenseitig von Beispielen lernen. Sie können einander über die Schulter schauen oder Aktionen gemeinsam entwickeln. Traditionelle Industrieregionen gibt es überall in Mitteleuropa. Genau dafür ist es gut, dass Aktivitäten im Projekt oftmals parallel bei mehreren Partnern laufen. So hat beispielsweise jede Region ihre eigene Argumentationsbroschüre entwickelt. Darauf wird nun, in einem zweiten Schritt, eine transnationale Broschüre erstellt.

Wenn das Projekt INDUCULT2.0 gelingt, werden in zehn Jahren …

… Industrieregionen in Mitteleuropa als attraktive Ziele für Kultur- und Kunstreisende bekannt sein.

Ihr bislang schönstes Erlebnis im Rahmen des Projektes?

Toll war es mitzuerleben, wie begeistert die Studierenden und Doktoranden, von der „Palla“, einer abrissgefährdeten Industriebrache der Textilwirtschaft in Glauchau, waren. Im Rahmen einer transnationalen InduCult2.0-Sommerschule haben sie für ihre Umnutzung frische Ideen erzeugt und konnten damit auch wichtige Akteure der Stadt begeistern.

www.inducult.eu

Bilder: Industriekultur©Faber & Marke, Dresden, Industriekultur in Zwickau@Carsten Debews

Carsten Debes ist Leiter für EU-Projekte beim Landkreis Zwickau und Projektmanager des InduCult2.0-Projektes