Interreg
12.10.
2017

„Mit Herzblut und Engagement“

Europäische Route der Backsteingotik feiert zehnjähriges Bestehen

St. Marienkirche in Lübeck, © Peter Berg

Die typischen backsteingotischen Bauten der Ostseeregion strahlen mit ihrem satten Rot einen ganz besonderen Charme aus. Sie versetzen die Besucher 800 Jahren zurück, in die Zeit der Hanse, der Kloster- und Stadtgründungen. Der Erhalt und die Vermittlung dieses einzigartigen europäischen Kulturerbes ist das Ziel des Vereins „Europäische Route der Backsteingotik“, der am 26. September 2017 in Greifswald seinen zehnjährigen Geburtstag feierte. Den Anschub für diese Initiative, die heute komplett aus Eigenmitteln finanziert wird, bildete ein gleichnamiges Interreg-B-Projekt, das von 2002 bis 2007 von der EU unterstützt wurde. Denkmalpfleger und Tourismus-Fachleute der 39 dänischen, deutschen und polnischen Mitgliedstädte arbeiten seit einer Dekade Hand in Hand, um Besuchern die Backsteingotik mit einer umfangreichen gemeinsamen Öffentlichkeitsarbeit näher zu bringen. Geschäftsführerin Steffi Zurmühlen erzählt im Interview, was die europäische Dimension und den Erfolg der Kulturroute ausmacht.

Krantor in Danzig, © Eiko Wenzel
Krantor in Danzig, © Eiko Wenzel

Was hat Backsteingotik mit Europa zu tun?

Die Backsteingotik war ein Baustil, der sich rund um die ganze Ostsee und auch weit ins Hinterland zog. Besonders häufig kommt die Backsteingotik im Norden Deutschlands und in Polen vor. Lüneburg, Lübeck und Danzig sind bekannte Beispiele. Der Baustil entstand aus dem Bedürfnis heraus, Macht zu demonstrieren und den im Handel erworbenen Reichtum zu zeigen. So wurden riesige Kirchen und üppig verzierte Rathäuser gebaut, aber auch wehrhafte Stadtbefestigungen und große Kaufmannshäuser. Man baute im gotischen Stil, der zu jener Zeit en vogue war. Allerdings fehlte es an den riesigen Mengen von Natursteinen, die man für die Bauten benötigte. Viel zu teuer und zu aufwändig wäre es gewesen, Sandstein in diese Regionen zu transportieren. Deshalb besann man sich auf die Bautradition mit Backstein. Man modifizierte die Formen der Gotik, entwickelte spezielle Formen und schuf so einen völlig neuen Baustil. Oft staunen auch wir noch, wie unterschiedlich die einzelnen Gebäude sind und welche phantastische Meisterleistung die Baumeister und Handwerker vor so vielen Jahrhunderten erbracht haben.

Diese Fachleute wanderten von Stadt zu Stadt und wirkten auf verschiedenen Baustellen. Daran lässt sich noch heute ablesen, dass die Region der Backsteingotik ein zusammenhängender kultureller Raum war. Die Backsteingotik ist ein genuin europäischer Baustil, ein einzigartiges Kulturerbe, das nur in einem ganz bestimmten Bereich Europas zu finden ist. Sie verbindet Regionen und Städte und überspringt nationale Grenzen, die sich in diesem Raum ohnehin oft veränderten.

Mitgliederversammlung 2017, Klosterruine Eldena in Greifswald, © Eiko Wenzel
Mitgliederversammlung 2017, Klosterruine Eldena in Greifswald, © Eiko Wenzel

Was ist der transnationale Mehrwert der Kulturroute?

Durch unsere Arbeit wird dieser Kulturraum für die Touristen wieder erlebbar. Wir zeigen, dass sich die Städte jenseits der heutigen Grenzen ganz ähnlich entwickelt haben und machen deutlich, dass sich eine Reise dorthin lohnt. Wir fördern damit das Verständnis füreinander und den Austausch miteinander. Die Reisenden und die Bewohner der backsteingotischen Städte nehmen unsere Angebote gerne an: Unser kostenloser jährlicher deutsch-polnischer Reiseführer erscheint seit 2011 in einer Auflage von 40.000 Stück und ist immer sehr schnell vergriffen.

Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Vor allem ist es wichtig, dass Personen zusammen kommen, denen das Thema ein wirkliches Anliegen ist. Die mit Herzblut bei der Sache und bereit sind – neben ihren üblichen Aufgaben im Beruf – Zeit zu investieren. Die Europäische Route der Backsteingotik kann zum Glück auf viele solcher Menschen zurückgreifen. Schon im Interreg-B-Projekt „European Route of Brick Gothic“ (EuRoB) haben sich einige Vertreter außerordentlich für die Backsteingotik engagiert. Auf diese Personen können wir auch heute noch bauen. Dies ist besonders wichtig bei einem Verein, der nur über knappe Ressourcen verfügt. Besonders wichtig war bei der Vereinsgründung auch die Entscheidung, die Geschäftsführung in hauptamtliche Hände zu legen. Es braucht jemanden, der „den Hut auf hat“, sich vollständig mit der Sache beschäftigen kann und alles koordiniert.

Abendempfang zum 20-jährigen Jubiläum im Pommerschen Landesmuseum Greifswald, © EuRoB
Abendempfang zum 20-jährigen Jubiläum im Pommerschen Landesmuseum Greifswald, © EuRoB

War es schwierig, den Verein ins Leben zu rufen?

Richtige „Geburtsprobleme“ gab es nicht. Am Anfang wollte sich lediglich ein kleiner Kreis der ehemaligen Interreg-Projektpartner in einem Verein organisieren. Schnell wuchs diese Zahl aber an, und auch viele Städte, die im Projekt nicht dabei waren, wollten unbedingt Teil der Europäischen Route der Backsteingotik werden. Heute haben wir rund 40 Mitgliedstädte aus Dänemark, Deutschland und Polen und eine gute Anzahl fördernder Mitglieder.

Was wünschen Sie sich für die nächsten zehn Jahre?

Dass die Route auch weiterhin wächst und auch wieder baltische und schwedische Städte dazu kommen. Dass unsere neue Webseite, die im September an den Start gegangen ist, rege genutzt wird und den Reisenden noch mehr Lust auf die Backsteingotik macht. Und schließlich, dass wir unseren Reiseführer mit mehr finanziellen Mitteln nicht nur auf Deutsch und Polnisch heraus bringen können, sondern auch auf Englisch oder Niederländisch. 

Weitere Informationen: www.eurob.org

Bildnachweis Titelfoto: St. Marienkirche in Lübeck, © Thomas Berg

Steffi Zurmühlen ist Geschäftsführerin der Europäischen Route der Backsteingotik und vertritt die Mitgliedstädte mit einer umfangreichen Öffentlichkeitsarbeit. Die Kunsthistorikerin ist bereits seit 2011 für den Verein aktiv.