Interreg
22.09.
2015

25 Jahre Interreg – ein Treppenwitz der Geschichte oder doch mehr?

Eindrücke, Impressionen und Einschätzungen zur Konferenz 25 Jahre Interreg am 15./16.09.2015 in Esch-Belval, Luxemburg

Feierliches Interreg-Jubliäum in Luxemburg. (Quelle: Brigitte Ahlke)

Ist das wirklich wahr? Ich bin mit Kollegen auf dem Weg nach Luxemburg zur Konferenz 25 Jahre Interreg, auf die wir uns im Vorfeld sehr gefreut haben. Dort wollten wir – durchaus auch ein bisschen stolz, als kleines Rädchen im Getriebe daran mitgewirkt zu haben – auf bisher Erreichtes zurückblicken. Darauf, dass wir durch territoriale Zusammenarbeit über Grenzen hinweg – sei es im Grenzraum, in transnationalen Makroregionen oder interregional – einen Beitrag zur Überwindung von Grenzbarrieren, zu einem besseren Verständnis von gemeinsamen Herausforderungen und zu gemeinsamen Lösungen geleistet haben – kurzum zu einem integrierten Europa. Und wir wollten natürlich auch den Blick in die Zukunft richten. Wie geht es weiter? Wie sollten wir die europäische territoriale Zusammenarbeit zukünftig ausrichten? Was hat sich bewährt, was nicht? Was können wir verbessern?

Aber nun das. Ungarn hat die Grenze zu Serbien „dicht gemacht“, einen Grenzzaun errichtet, die ungarische Polizei steht mit Wasserwerfern den Flüchtlingen gegenüber. Deutschland hat wieder Grenzkontrollen eingeführt, Slowenien und Österreich haben es ebenso angekündigt. Zugverbindungen zwischen Österreich und Deutschland wurden eingestellt, teilweise auch zwischen Deutschland und Dänemark. Die Lage verändert sich schnell und wirft viele Fragen auf.

Wo stehen wir? Waren die Freizügigkeit in Europa und die intensive Kooperation von öffentlichen Behörden aus Bund, Ländern und Kommunen, von Hochschulen, Verbänden, Nichtregierungsorganisationen und Unternehmen aus verschiedenen Ländern und Regionen über Grenzen hinweg nur ein Treppenwitz der Geschichte? Oder werden wir doch auch in Zukunft ein offenes Europa erleben? Ein Europa, das sich durch offene Grenzen, durch Zugewandtheit, durch Austausch und Kooperation, also all das, was Interreg fördert, auszeichnet?

Mit diesen Fragen sind wir zu der Konferenz gekommen, die schon geplant wurde, als das Flüchtlingsproblem in Europa noch lange nicht so virulent war. Gleichwohl begleitete dieses Thema natürlich die gesamte Konferenz.

Happy Birthday, Interreg!

Corina Creţu überreicht Interreg eine virtuelle Geburtstagstorte. (Quelle: Brigitte Ahlke)

Trotzdem verloren wir das Jubiläum nicht aus den Augen: Corina Creţu, EU-Kommissarin für Regionalpolitik, überreichte Interreg zum Auftakt der Konferenz eine virtuelle Geburtstagstorte, deren unterschiedlichen Schichten die Erfolge der territorialen Zusammenarbeit symbolisieren – von Vertrauensbildung, über das Zusammenbringen von Menschen und Regionen, eine gesunde Umwelt, die Wahrung sicherer Lebensbedingungen bis hin zur Förderung von Wachstum.

Der Mehrwert der territorialen Zusammenarbeit lässt sich jedoch nicht immer einfach vermitteln, da Interreg kein Investitionsprogramm ist, sondern vor allem in Menschen investiert, in ihre Fähigkeit zu kooperieren. Während das einzelne Projekt den konkreten Nutzen der Zusammenarbeit noch relativ einfach vermitteln kann – etwa wenn es um die Planung, Konzeption, den Bau und Betrieb eines grenzüberschreitenden Krankenhauses geht, das den Bürgern von beiden Seiten der Grenze eine schneller zugängliche medizinische Versorgung bietet – stehen Programmverantwortliche, vor allem wenn es um die komplexe transnationale Zusammenarbeit geht, immer wieder vor dem Problem, den Nutzen der Zusammenarbeit einer breiteren (Fach-)Öffentlichkeit zu vermitteln und den Ergebnistransfer über die beteiligten Projektakteure hinaus zu organisieren.

Jean-Christophe Victor, Leiter des französischen Think Tanks LEPAC, der durch seine wöchentliche Sendung Le Dessous de Cartes/Mit offenen Karten auch in Deutschland bekannt geworden ist, hat vor diesem Hintergrund einen Kurzfilm erstellt, der mit Karten dieser breiten Öffentlichkeit veranschaulicht, wofür Interreg steht, um was es geht, und an Beispielen Erfolge der Zusammenarbeit aufzeigt.

“My stories of Interreg”

Von drei “Urgesteinen” europäischer territorialer Zusammenarbeit – Jens Gabbe, Vorsitzender des Beirats der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen (AGEG), Jean-Claude Sinner, Leiter des Referates für Europäische Angelegenheiten im Luxemburgischen Ministerium für Nachhaltige Entwicklung und Infrastruktur, und Susanne Scherrer, Leiterin der Verwaltungsbehörde und des Gemeinsamen Technischen Sekretariats des Ostseeraumprogramms, wurden die Motivation, der Antrieb und auch Erreichtes sehr anschaulich hinübergebracht. Besonders nachgehallt hat bei mir das Statement von Susanne Scherrer, dass Interreg zwar mittlerweile in den Mainstream-Programmen angekommen sei, aber Interreg weiterhin den Anspruch habe, Avantgarde zu sein. Auch wenn – und dies ist ein Kritikpunkt, der in vielen verschiedenen Statements immer wieder aufkam – die Verwaltungsregeln nicht zeitgemäß sind und den Rahmenbedingungen und Anforderungen transnationaler Zusammenarbeit nicht entsprechen.

Aber jeder einzelne Teilnehmer der Konferenz hatte hier auch die Möglichkeit, seine persönliche Interreg-Geschichte auf einer Postkarte zu erzählen. Viele davon wurden direkt vor Ort von einem Karikaturist unterhaltsam und bildreich dem Publikum präsentiert.

Thinking out of the box

Nach ausführlichen Expertenrunden zur Rolle von Interreg in den Themenfeldern Arbeitsmarkt, demographischer Wandel und Umwelt fand ich persönlich auch die Session Thinking out of the box erfrischend und anregend. In zwei Vorträgen mit spannenden interaktiven und auch lustigen Elementen haben Dr. Alejandro Guarín, Forscher am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Bonn, und Prof. Dr. Zdenka Zenko, Maribor, über die Dimensionen des Verhaltens in internationalen Kooperationen und über die Verbreitung von Innovation referiert. Diese eher theoretischen Abhandlungen geben vielfache Ansatzpunkte zur Reflektion der täglichen Arbeit.

Mit seinem Schattenspiel überzeugt das Projekt INTERSYC die Jury. (Quelle: Brigitte Ahlke)

Den unterhaltsamen Abschluss des ersten Tages bildete ein Project Slam Contest, in dem fünf ausgewählte Interreg-Projekte auf unkonventionelle Art ihr Projekt vorstellen durften.Als Sieger aus diesem Wettbewerb ging das Projekt INTERSYC hervor, ein Projekt aus dem grenzüberschreitenden Programm Griechenland-Bulgarien, das sich Kindern in Gefahr widmet. Die Jury, nämlich das anwesende Publikum, hat die einfallsreiche Präsentation in Form eines Theaterstücks mit Schattenspielfiguren am meisten überzeugt. Eine solche unkonventionelle Vorstellung von Projektergebnissen prägt sich den Außenstehenden intensiver ein als viele Zahlen und stärkt nach innen die Teamfähigkeit der Projektakteure.

Blick über den Tellerrand

Der zweite Konferenztag startete mit einem Blick über den Tellerrand: Im ersten Veranstaltungsblock wurde ein globaler Blick eingenommen, und über grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Westafrika und Lateinamerika informiert. Eine Reihe von Initiativen konnten gestartet werden, teilweise mit Unterstützung durch die EU und indem Erfahrungen aus Interreg übertragen und angepasst werden konnten. Der Vertreter des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP), Johannes Krassnitzer, betonte den Mehrwert, den eine Interreg-Zusammenarbeit außerhalb der europäischen Grenzen und im Rahmen einer potenziellen strategischen EU-UNDP-Partnerschaft bringen würde. Dies wäre ein großer Schritt vorwärts, um Ländern auch außerhalb der EU auf der lokalen Ebene bei der Umsetzung nachhaltiger Entwicklungsziele zu helfen.

Nach der Programmierung ist vor der Programmierung

Dies war der Gedanke, der mich beim letzten Veranstaltungsblock der Konferenz begleitet hat, der ganz im Zeichen der Zukunft stand. Wie wird Europa in 25 Jahren aussehen? Benötigen wir eine gemeinsame Vision? Welche Rolle kann und soll Interreg dabei spielen? Das waren die zentralen Fragen, die im Rahmen einer Podiumsrunde, durch hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aus dem Europäischen Parlament und dem Ausschuss der Regionen diskutiert wurden. Spannend fand ich die Abstimmung des Publikums vor Ort, inwieweit sie den präsentierten Ergebnissen der öffentlichen Umfrage zur Zukunft von Interreg, die INTERACT im Vorfeld der Konferenz gestartet hatte, zustimmen konnten. Das Meinungsbild etwa zum Änderungsbedarf war nicht immer sehr eindeutig. Dies zeigt, dass noch viel Diskussionsbedarf zur Ausgestaltung der Förderperiode ab 2020 besteht. Die Diskussion und der Meinungsbildungsprozess dazu haben jedoch bereits begonnen. Das haben die engagierten Diskussionsbeiträge und Nachfragen aus dem Publikum gezeigt, etwa im Hinblick auf eine weitere Verwaltungsvereinfachung für die europäische territoriale Zusammenarbeit, die Neubelebung der people-to-people-Strategie oder auch im Hinblick auf eine stärkere Fokussierung auf unsere unmittelbaren Nachbarregionen, etwa im Mittelmeerraum oder im Rahmen der östlichen Partnerschaft. Gerade der letzte Punkt wurde angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise besonders betont.

Kikki Lilljeblad hat ihre ganz praktischen Erfahrungen aus einem solchen Visioning vorgestellt: Am Beispiel ihrer Gemeinde Norrköping hat sie gezeigt, wie ein solcher Prozess organisiert und wie die Öffentlichkeit für diesen Prozess gewonnen werden kann. Szenarien für ein zukünftiges Europa wurden auch bereits im Rahmen von ESPON, dem Europäischen Raumbeobachtungsnetzwerk, erarbeitet. Solche Szenarien sind wichtige Ansatzpunkte für die Entwicklung einer gemeinsamen Vision für Europa, wie Peter Mehlbye, Leiter des Europäischen Verbunds für territoriale Zusammenarbeit ESPON, darlegte.

Ermutigende Worte fand Walter Deffaa. (Quelle: Brigitte Ahlke)

Ermutigend fand ich die Worte von Walter Deffaa, Direktor der Generaldirektion Regionalpolitik und Stadtentwicklung in der Europäischen Kommission, zum Abschluss der Konferenz. Er sieht Interreg als Schlüsselinstrument für die europäische Integration. Interreg sei der europäischste Teil der EU-Kohäsionspolitik. Bei Interreg gehe es vor allem um eine engere Kooperation von öffentlichen Verwaltungen und Menschen über Grenzen hinweg. Insofern stehe die Verwaltungsvereinfachung auf der Agenda der Europäischen Kommission, um das Leben der Programmverantwortlichen und der Projektakteure zu vereinfachen.

Cooperation for a better Europe

Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen: Ich persönlich hoffe nicht, dass ein offenes Europa, das sich durch Kooperation über Grenzen hinweg auszeichnet, das Grenzen überwindet, nur ein Treppenwitz der Geschichte war. Die Beispiele für die Zusammenarbeit, die wir auf der Konferenz gesehen haben, und die Ansätze, die diskutiert wurden, haben deutlich gezeigt, dass die Lösung vieler Probleme nur durch Kooperation über Grenzen hinweg umzusetzen ist. Das vielfältige Engagement, das Vorangehen, die Kreativität, die im Rahmen der Interreg-Zusammenarbeit gezeigt wurde, und das Vertrauen, das dadurch aufgebaut wurde, lässt mich zuversichtlich in die Zukunft blicken. Happy Birthday, Interreg – und auf die nächsten Jahre guter Zusammenarbeit im Sinne des prämierten Slogans „Cooperation for a better Europe“.

Der Gewinner-Slogan: Co-operation for a better Europe. (Quelle: Brigitte Ahlke)


Die auf der Konferenz „25 Jahre Interreg“ am 15./16. September 2015 in Esch-Belval, Luxemburg, gezeigten Präsentationen können Interessierte auch online abrufen. Weitere Informationen:
http://ec.europa.eu/regional_policy/en/conferences/interreg25/

Brigitte Ahlke ist Mitarbeiterin im Referat für Europäische Raum- und Stadtentwicklung des Bundesinstituts für Stadt-, Bau- und Raumforschung (BBSR). Inhaltliche Schwerpunkte ihrer Arbeit sind die Europäische Raumentwicklungspolitik und die transnationale Zusammenarbeit im Rahmen von INTERREG. Im Bereich INTERREG betreut sie das Alpenraum- und - vertretungsweise - das Nordwesteuropa-Programm und ist zuständig für Begleitforschung, Ergebnistransfer und Öffentlichkeitsarbeit.